Vor dem Aussterben gerettet

Manche nennen ihn den Punk unter den Vögeln.

Der Waldrapp ist bekannt für sein auffallendes Federkleid am Kopf. Besonders hoch trägt der Vogel die Federn bei seiner intensiven Begrüßungszeremonie anderer Vögel, die auch außerhalb der Paarungszeit illuster erscheint. Die Vögel verneigen sich quasi voreinander, denn sie sind besonders gesellig und kommen immer in Dutzenden vor. Gerne schließen sich über hundert Vögel zu einer Kolonie zusammen. Erst in Kolonien ist der Waldrapp bereit zu brüten, wie sich an einzelnen Paaren in Zoos gezeigt hat. Die Weibchen unterscheiden sich im Aussehen nicht groß von den Männchen, sie sind nur etwas kleiner und leichter. Entsprechend paart sich ein Männchen nicht mit mehreren Weibchen wie der geringe Geschlechtsdimorphismus annehmen lässt. Beide beteiligen sich am Nestbau und an der Aufzucht der Jungtiere.

Ausrottung eines Glücksbringers

So groß wie eine Gans, aber zugehörig zu den Pelikanen, fällt der attraktive und dennoch nicht unbedingt schöne Vogel seit jeher auf. Sein lateinischer Name Geronticus eremita beschreibt ihn als alten Herrn. Sein auffälliges Aussehen wurde ihm jedoch zum Verhängnis. Bis ins 17. Jahrhundert gab es eine große Anzahl an Waldrappen in Süddeutschland, Österreich, der Schweiz, Italien und Ungarn. Intensive Jagd auf ihn führte zu seiner kompletten Ausrottung in Mitteleuropa.

Im alten Ägypten wurde der Waldrapp als Lichtbringer und im Islam als Wegweiser Noahs ins Euphrat-Tal zur Nahrungsquelle gefeiert. Im Orient war der Waldrapp gar im Mittelalter geschützt, da man glaubte, er nehme die verstorbenen Seelen mit sich. In Mitteleuropa galt er zur gleichen Zeit schlicht und einfach als Delikatesse. Andere jagten ihn als Trophäe, um ihn im Haus auszustellen, oder die Jungtiere in Zoos zu bringen. Daher kommen wilde Kolonien heute nur noch in Marokko und Syrien vor. In der Türkei gibt es zudem eine halbwild lebende Kolonie.

Erste Naturschutzerfolge

Während die Waldrappbestände in Syriens Palmyra die letzten beiden Jahrzehnte kontinuierlich schrumpften, hielten sich in Marokkos Souss-Massa in dieser Zeit mehr Vögel. In den 90er Jahren war die Zahl der wildlebenden Waldrappen in Marokko nach mysteriösen Todesfällen auf nur 59 Paare reduziert. Dank intensiver Schutzmaßnahmen der Habitate gibt es heute in Marokko wieder an die 700 Vögel. Die ersten Naturschützer waren Briten, die die Habitate bewachten, lokale Rancher ausbildeten und die Öffentlichkeit über das Besondere der Vögel informierten. Schon zu Beginn der 90er entstand der Souss-Massa Nationalpark für den maximalen Schutz der Vogelart mit intensiver Forschung der marokkanischen Regierung und der BirdLife-Organisation vor Ort, wie die Habitate für den Waldrapp am besten zu erhalten seien. Mit messbarem Erfolg der Naturschutzmaßnahmen:

Im November 2018 erklärte BirdLife International, dass der Status des Waldrapps von der Kategorie „vom Aussterben bedroht“ auf „stark gefährdet“ verbessert wird.

Erste Wiederansiedlungsprojekte in Überlingen, Bayern, Österreich und Italien zeigen selbst in Mitteleuropa Erfolge. Jungtiere aus Zoos werden trainiert und mit Leichtflugzeugen von Biologen zum Ziehen in südliche Winterquartiere gelenkt, um in Freiheit zu überleben.

Dennoch ist die Vogelart noch lange nicht über den Berg. In Syrien gibt es eine Fortsetzung der Schutzmaßnahmen erst, wenn tatsächlich Frieden herrscht. Wie umfassender Schutz funktioniert, beweist das Beispiel in Marokko. Hierzu braucht es jedoch viel Aufklärungsarbeit, intensive Arbeit der Rancher und Naturschützer nicht nur in den Brutgebieten, sondern auch in den Winterquartieren in Äthiopien, Saudi-Arabien und dem Jemen.

Dafür braucht es neben den engagierten Vogelschützern einiges an Geld, das im Falle des Waldrapps bei BirdLife durch die Stiftung von Prinz Albert II von Monaco und ZEISS eingebracht wird.

ZEISS konzentriert sich seit vielen Jahren auf den Schutz vom Aussterben bedrohter Tierarten wie beispielsweise des Spitzmaulnashorns und des Waldrapps. Zudem unterstützte ZEISS die wissenschaftliche Arbeit von BirdLife zur Einstufung gefährdeter Vogelarten.  Leidenschaft für Naturbeobachtung mit Premiumoptik lebt von der Artenvielfalt. Hier gilt es, jede einzelne Tierart zu schützen, deren Lebensgrundlagen wir Menschen gefährdet haben. Denn was wäre die Vogelwelt ohne den geselligen Punk, den Waldrapp?