Wo es langen Atem braucht- erste Erfolge beim Schutz der Grauammer

Im vierten Jahr haben Nils Anthes und sein Team an der Universität Tübingen nun schon ganz genau hingeschaut: Was braucht die Grauammer für die erfolgreiche Aufzucht ihrer Jungen? Welche Maßnahmen sind wirklich effektiv, um die nur noch kleinen Restbestände dieser Charakterart der Agrarlandschaft in Baden-Württemberg zu stabilisieren?

Ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg, sagt Nils Anthes, liegt im Zeitpunkt der Bewirtschaftung. An exakt erfassten Neststandorten lässt sich erkennen, dass viele Bruten der Grauammer bei Ernte oder Mahd verloren gehen. Brüten die Grauammern im Getreide, ist das in der Regel kein Problem – hier haben die Jungvögel ihre Nester in aller Regel bereits vor der im Juli beginnenden Ernte des Wintergetreides verlassen.

Kritisch sieht es dagegen im Grünland aus. Zwar werden die Nester oft in mageren und krautreichen Wiesen angelegt. Doch auch hier findet die erste Mahd traditionell schon in der zweiten Juni-Hälfte statt – und damit genau mitten in der Nestlingsphase der Grauammer. In einem Projektgebiet bei Rottenburg wurde bei den Untersuchungen festgestellt, dass ca. die Hälfte aller Nester in solchen Wiesen angelegt wird. Von diesen fallen gut zwei Drittel der regulären Mahd zum Opfer.

Projektpartner des von der Stiftung Naturschutzfonds Baden-Württemberg finanzierten Projekts bei den lokalen Landwirtschaftsbehörden haben daher intensive Gespräche mit den Landwirten vor Ort aufgenommen. Viele enge Kontakte haben sich daraus inzwischen entwickelt, so Anthes. Und so beteiligen sich viele Landwirte bereitwillig an den vorgeschlagenen Schutzmaßnahmen für Feldvögel. Dadurch konnte für wichtige Brutflächen ein späterer Mahdtermin – nicht vor Anfang oder Mitte Juli – vereinbart werden.

Inzwischen kommen manche Landwirte auch mal von selbst auf die Fachleute zu, und klären vorab, ob eine bestimmte Fläche zur Mahd freigegeben werden kann. Viel mehr Jungvögel als in den Vorjahren konnten dank dieser Kooperationen nun erfolgreich ausfliegen. Und dieses Bemühen zeigt auch erste positive Auswirkungen auf den Brutbestand: Bereits das dritte Jahr in Folge konnte in diesem Gebiet eine Zunahme der Grauammer-Reviere festgestellt werden – ein Zeichen, dass sich der lange Atem lohnt!

Dass dieser auch weiterhin nötig ist, zeigen die verbliebenen Problemfälle. Besonders der Anbau von Klee und Luzerne stellt das Forscherteam und die beteiligten Landwirte noch vor eine knifflige Herausforderung. In manchen Jahren sind diese Felder derart attraktiv, dass ein Großteil der Population in ihnen brütet. Die Flächen werden jedoch regulär etwa alle 8 Wochen geerntet – die Pause ist zu kurz, als dass eine Vogelbrut erfolgreich aufgezogen werden könnte.

Momentan gibt es nur eine Lösung: Intensive Feldbeobachtungen zwischen Mitte Mai und Mitte Juni sind nötig, um Bruten in solchen Flächen rechtzeitig aufzuspüren. Dann können die Nester markiert und bei der Ernte ausgespart werden. Als langfristige Lösung ist das aber nicht umsetzbar. Und so tüfteln die seit 2016 ZEISS unterstützten Tübinger Forscher derzeit an einem Verfahren, das die Grauammern gezielt in solche Kulturen lockt, die sichere Nistplätze bieten.

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