Besonderer Schutz nötig

Vogelarten, die am Boden brüten, haben es in unserer Zeit der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung, absinkender Grundwasserspiegel sowie dem allgemeinen Flächenverbrauch besonders schwer. Wie lässt sich verhindern, dass Bekassine, Kiebitz, der Große Brachvogel und die Wiesenweihe aus unserer Zeit fallen und ihre Bestände weiter zurückgehen?

Hoch im Baum sind die Gefahren überschaubarer. Keine Frage, auch dort gibt es natürliche Nesträuber, aber mit dem Mensch haben die baumbrütenden Vogelarten wenig zu tun, solange es ausreichend Bäume gibt. Auf dem Boden ist das Gelege Füchsen und Rabenvögeln ausgeliefert. Was jedoch das noch größere Problem für die Wiesenbrüter ist, sind die mangelnden Brutgebiete. Ein perfektes Habitat für den Großen Brachvogel, die Bekassine und den Kiebitz sind Streuwiesen mit einem hohen Grundwasserspiegel und wenig Gehölzen sowie einer extensiven landwirtschaftlichen Nutzung mit einer späten Mahd.

Heute sind viele Moore aufgeforstet, die Grundwasserspiegel sinken, landwirtschaftliche Flächen werden intensiv genutzt und verbleibende, traditionelle Brutgebiete werden durch Menschen, die ihre Freizeit intensiv nutzen wollen, gestört. Ein komplexes Spannungsfeld, das den Wiesenbrütern in Mitteleuropa den Status „vom Aussterben bedroht“ eingebracht haben. Naturschützer versuchen, in den verbleibenden Brutgebieten optimale Bedingungen zu schaffen. Im Riedgebiet Vorarlberg am Bodensee entbuschen österreichische Naturschützer potentielle Brutgebiete, sorgen mit Stauwehren für einen besseren Wasserhaushalt, schützen die Gelege mit elektrischen Zäunen und die lokalen Jagdverbände halten den Fuchs im Zaum.

Großer Brachvogel – Numenius arquata
Der mehr als einen halben Meter große Kurzstreckenzieher mit dem langen Schnabel kommt in der gemäßigten und borealen Zone von Westeuropa bis Sibirien vor, vermehrt in Nord- und Mitteleuropa.

Im Winter zieht er ins Mittelmeergebiet und Westafrika.

Sein ursprüngliches Brutgebiet lag in Moorgebieten, die zunehmend rarer wurden, woraufhin der Vogel auf extensiv genutztes Feuchtgrünland in Tiefebenen ausgewichen ist. Positiv ist, dass der ehemalige Moor- und Heidebrüter gut auf Schutzmaßnahmen und neugeschaffene Bruthabitate in der Bestandsentwicklung reagiert. Jedoch gibt es davon noch zu wenige. Der „Atlas Deutscher Brutvogelarten“ zeigt eine negative Bestandsentwicklung auf, es deutet sich jedoch eine Stabilisierung auf niedrigem Niveau an.

In Baden-Württemberg hat sich der Bestand von 160 Paaren des Großen Brachvogels, die überwiegend am badischen Oberrhein im Großraum Offenburg brüten, innerhalb der letzten 30 Jahre auf 40 reduziert. Der größte Watvogel Europas wird hier mit aufwändigen Maßnahmen, groß eingezäunten Flächen und in Zusammenarbeit mit den dortigen Landwirten geschützt. Die Elektrozäune um die Brutgebiete sind umstritten, haben jedoch den Bruterfolg stark verbessert. Für die Landwirte bedeutet die sehr späte Mahd teilweise Einbußen, für den Großen Brachvogel das Überleben, denn die Jungvögel benötigen viele Insekten zu dieser Zeit. Vom Schutz der Großtrappengebiete profitieren zudem viele andere Tier- und Pflanzenarten, die es heute nicht mehr leicht haben in der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung.

Kiebitz – Vanellus vanellus
Besonders auffällig bei einigen Wiesenbrüterarten ist der relativ geringe Unterschied zwischen den Geschlechtern. Das Weibchen des Großen Brachvogels ist sogar etwas größer als das Männchen und hat den längeren Schnabel. Beim Kiebitz mit seinem auffälligen Aussehen, den wippenden Federn am Kopf und seinem lauten „Kie-witt“ brüten beide Partner.

Die Küken des Kiebitz´ verlassen das Nest sehr früh, um selbst für Insekten am Rand von Gewässern zu sorgen. Genau hier liegt das Problem der Kiebitze, die in den einheitlichen Gräserarten und den mangelnden Feuchtwiesen oder Überschwemmungsflächen nicht ausreichend Nahrung finden, zudem ist das Gelege durch die Bewirtschaftung gefährdet.

An sich bleiben Kiebitze ihrem Brutplatz treu, wenn die Brut jedoch nicht erfolgreich ist, müssen sie den Brutplatz ändern. Als anerkannter Frühlingsbote wurden dem Kiebitz in der friesischen Tradition noch Eier aus dem Gelege gestohlen, heute versuchen Organisationen wie die Schutzstation Wattenmeer ihre Brutgebiete großräumig zu umzäunen, um das Gelege vor den Folgen des Tourismus und der schieren Menge an Menschen zu schützen.

Das Verbreitungsgebiet des Kiebitz‘ reicht von der gemäßigten, mediterranen Zone Westeuropas bis zum östlichsten Teil Russlands. Der Kurzstreckenzieher überwintert in milden Wintern sogar in größerer Zahl im Norden. Sein stark rückläufiger Bestand seit den 1970er Jahren brachte ihn auf die Rote Liste des IUCN und vereint Naturschützer international mit gemeinsamen Bemühungen für seinen Bestands- und Habitatschutz.

Bekassine – Gallinago gallinago
Ebenso bei der Bekassine gibt es kaum einen Geschlechtsunterschied, wenn man nur die Augen nutzt. Setzt man die Ohren ein, erkennt man die Männchen an ihrem lauten Balzen, das für viele wie ein meckerndes Geräusch klingt. Je lauter desto attraktiver für die Weibchen. Daher wird die Bekassine im Deutschen häufig als „Himmelsziege“ bezeichnet. Über das Rufen ist die Bekassine am besten zu finden, denn sie hält sich sehr geschützt auf und ist nicht leicht zu entdecken.

Der Bestand des Schnepfenvogels hat sich in Deutschland innerhalb der letzten 20 Jahre halbiert, da ihre Lebensräume wie Moore und Feuchtwiesen zunehmend verschwinden. In ihrem Verbreitungsgebiet von Eurasien bis Kamtschatka geht man von um die zwei Millionen Exemplare aus, der Bestandsrückgang erfolgt in erster Linie im mitteleuropäischen Binnenland.

Selbst die Wiesenweihe, die zur Familie der Habichte gehört und mit ihrer Größe von 43-47 cm und einer Flügelspannweite von bis zu 120 cm imposant daher kommt, kämpft als Bodenbrüter mit den aktuellen Bedingungen.

Wiesenweihe – Circus pygargus
Sie braucht breite Flusstäler, feuchte bis trockene Habitate wie Niedermoore oder Steppen und Heiden. Weltweit ist sie ungefährdet, aber in Europa ist ihr Bestand in vielen Regionen rückläufig. Ihre Nester mit den drei bis fünf Eiern setzt sie in Flächen mit nicht zu hoher und nicht zu dichter Vegetation in einem Gebiet von Südschweden und dem südlichen England bis hinunter nach Nordafrika. Unter optimalen Bedingungen brütet die Wiesenweihe in einer Art Kolonie. Ein positives Zeichen gab der letzte „Atlas Deutscher Brutvogelarten“, wonach Artenhilfsmaßnahmen in Deutschland zu positiven Bestandsentwicklungen und einer Erholung der Art in manchen Regionen geführt hat.

Wiesenbrüter zu schützen, bedeutet ein grundlegendes Umdenken für den Menschen. Es braucht extensiv genutzte, weiträumig ungestörte Flächen, an deren Rand und den offiziellen Wegen wir uns wunderbar aufhalten können, um die Vogelarten und mit ihnen weitere Tierarten sowie eine vielfältige Pflanzenwelt mit unserer Optik zu genießen. Dass diese Maßnahmen wirksam sind, zeigen erste Erfolge der gezielten Artenschutzprogramme.

Michaela Sulz

Michaela Sulz ist leidenschaftliche Vogelbeobachterin und Bloggerin für den ZEISS Nature Blog.