Ankommende Vögel

Ein direkt aus Skandinavien kommender Raufußbussard trifft an der Küste bei Filey ein

Der Vogelzug ist ein unglaublich faszinierendes Phänomen, das zahlreiche unserer Grundimpulse und -bedürfnisse anspricht.

Da ist diese sinnliche, ursprüngliche Verbundenheit mit dem zyklischen Wechsel der Jahreszeiten und ihrer Abstufungen, die dadurch genährt und gestärkt wird; der etwas wunderliche, aber sehr menschliche Drang, durch das minutiöse Zählen und Dokumentieren jedes einzelnen Vogels Ordnung und ein Gefühl von Kontrolle in das relative Chaos der Natur zu bringen; da ist der von der Wissenschaft inspirierte Wunsch, die Mechanismen und Mysterien eines solchen Naturphänomens besser zu verstehen, das sich uns in weiten Teilen noch immer nicht erschließt (der Vogelzug birgt für uns weiterhin mehr Fragen als Antworten); und über allem steht das reine, fast kindliche Staunen, das uns angesichts eines solchen Wunders überkommt und das an Faszination einfach nicht verliert – egal, wie oft und lange man sich ihm hingibt. Im Gegenteil – die Intensität dieses Staunens scheint im Laufe der Zeit eher noch ständig zuzunehmen.

 

Es ist später Herbst: Gerade ist eines von vielen Wintergoldhähnchen – die kleinsten Vögel Europas – nach der Überquerung der Nordsee an der Küste North Yorkshires eingetroffen

Wacholderdrosseln gehören zu den Vogelarten, die teilweise in sehr großen Zahlen im Spätherbst an der Küste Yorkshires ankommen

Der Vogelzug findet überall statt und ist daher ein für alle zugängliches Wunder der Natur, das ständigen Veränderungen unterliegt. Wenn man dann noch das Glück hat, an einem Zugweg entlang der Küste einer kontinentalen Landmasse zu leben (gut, bei mir hatte es mehr mit Planung und Kompromissen als mit Glück zu tun), erschließen sich für einen Vogelzugjunkie wie mich nahezu unbegrenzte Möglichkeiten. Noch besser ist es, wenn Sie sich einen Ort entlang des Verlaufs verschiedener topografischer, geografischer und küstenspezifischer Merkmale suchen, denn dann haben Sie Zugang zu unterschiedlichen „Unterarten“ des Vogelzugs. Das bedeutet, dass Sie in der richtigen Jahreszeit verschiedene Auswahlmöglichkeiten haben, je nach den vorherrschenden Wind- und Wetterbedingungen.

Hier in der Gegend rund um Filey an der Küste der englischen Grafschaft North Yorkshire gibt es drei Arten von „aktivem“ Vogelzug: auf dem Boden (dort, wo die meisten Zugvögel sich niederlassen und in situ fressen/rasten), auf dem Meer (zum Beispiel Seevögel, Entenvögel, Watvögel und alle anderen, die über die Wellen hinweg davonziehen) und der sichtbare Vogelzug, auch Vismig (vom englischen „visible migration“) genannt.

Der sichtbare Vogelzug sind die Zugbewegungen von Vögeln, die man von einem normalen Standort aus sehen kann (im Gegensatz zum „nicht sichtbaren“ Vogelzug, der sich beispielsweise in der Nacht oder in größerer Höhe abspielt). Sowohl im Frühjahr als auch im Herbst ist eine hohe Aktivität zu verzeichnen, wobei im Herbst mit einer größeren Fülle von Vögeln, einem breiteren Spektrum an Spezies und einem längeren Zeitfenster für mögliche Aktivität zu rechnen ist.

Ein Bergfink und ein Gartenrotschwanz teilen sich bei dichtem Nebel und Nieselregen an der Klippe vor Filey ein Doldengewächs

Eine Singdrossel landet bei einem Herbststurm

Effektiv gibt es hier an der Küste von North Yorkshire zwei Arten von Vogelzugbewegungen: ankommende Vögel (über die Nordsee aus Kontinentaleuropa, Skandinavien und weiter kommend) und der Küste folgende Vögel (der Leitlinie der Küste folgend, in der Regel gen Norden im Frühling und gen Süden im Sommer). Bei beiden Arten kommt es zu gewaltigen und beeindruckenden Bewegungen, wobei die Auswahl des richtigen Ortes eine entscheidende Rolle spielt. An dieser Stelle werden wir uns zunächst auf die ankommenden Vögel konzentrieren (mit dem Vogelzug entlang von Leitlinien werden wir uns in Teil 2 beschäftigen).

Wo ist also der beste Ort? Einfach gesagt: Die Hotspots für die Beobachtung von ankommenden Zugvögeln sind Halbinseln und Landspitzen. Je weiter Ihr Standort in das Meer hineinragt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser von Zugvögeln zum ersten Landeplatz nach einem anstrengenden Flug über das Meer erkoren wird. Noch besser ist es, wenn Sie einen Ort auf einer flachen Landzunge auswählen, um von dem Landebahneffekt zu profitieren. Das heißt, dass die Vögel nicht über eine breite Front verteilt auf die Küste zufliegen, sondern schon aus der Ferne alle auf das Stück Land zusteuern, das sie vom Meer aus zuerst sichten.

Wenn das Timing stimmt, können Sie unter solchen Umständen spektakuläre Effekte erleben.

Wann ist der beste Zeitpunkt? Diese Art von Vogelzug, das Ankommen nach einer Meeresüberquerung, ist häufig im Herbst am beeindruckendsten, und da wo ich lebe – ungefähr auf halber Höhe der Ostküste des Vereinigten Königreichs – sind es die Ströme von Sperlingsvögeln aus Skandinavien im Herbst, die einem geradezu den Atem rauben können.

Vögel können unter den unterschiedlichsten Bedingungen und zu verschiedensten Tageszeiten ankommen, für die richtig großen Tage müssen aber einige Voraussetzungen zusammenkommen. Hier das perfekte Szenario:

Mark spricht über Vogelzug an der Küste Yorkshires auf BBC (natürlich mit Harpia ausgestattet, wie immer!)

Die Halbinsel Filey Brigg ist ein beeindruckendes Landschaftsmerkmal an der englischen Küste

Es ist Mitte/Ende Oktober und Unmengen von Zugvögeln warten darauf, dass das Wetter sich bessert, damit sie Skandinavien verlassen können. Plötzlich entwickelt sich eine Hochdrucklage: Bei klarem Himmel und günstigen Windbedingungen machen sich unzählige Rotdrosseln, Wacholderdrosseln, Schwarzdrosseln, verschiedene Finken, Wintergoldhähnchen und andere Singvögel auf den Weg und werden von einer östlichen Brise über die Nordsee getrieben. Im Laufe ihrer Reise werden sie verschiedensten Wetterbedingungen ausgesetzt – vielleicht treffen sie auf Wolken, Nieselregen, Nebel oder eine Kombination daraus –, die Navigation wird schwieriger, die Gefahren nehmen zu und das Erreichen von festem Boden wird zur Priorität Nr. 1.

An klareren Tagen und Nächten mit einem ähnlich günstigen Wind (oder zumindest leichtem Wind), besteht keine Notwendigkeit, an der Küste zwischenzulanden – warum nicht gleich weiterfliegen in ein Gebiet mit noch besseren Lebensbedingungen? Aber wenn das Wetter anstrengender wird, stellt das Bedürfnis nach festem Boden unter den Füßen alles andere in den Schatten. Natürlich lässt sich nicht immer 100%ig voraussehen, wann einer der besonderen Tage bevorsteht, aber wer in der Lage ist, Wettervorhersagen zu verstehen, und die Möglichkeit hat, sich diese zunutze zu machen, der wird im Laufe einer Saison mindestens eine Handvoll dieser großen Momente erleben – neben vielen etwas kleineren, aber ebenfalls beeindruckenden.

Und wenn man einen solchen großen Moment erleben darf, ist es schlichtweg überwältigend. Auf der Spitze der Halbinsel Filey Brigg stehen, die nur ein paar Minuten von meinem Zuhause entfernt wie der Finger einer alten Hexe in die Nordsee ragt, und dabei in vollen Zügen eine spektakuläre Ankunft genießen – das ist echtes Vogelbeobachterglück.

Eine über das Meer gereiste Sumpfohreule erreicht mit Mühe die Felsen von Brigg End

Eine weitere Sumpfohreule kommt an – allerdings unter deutlich einfacheren Bedingungen

Stellen Sie sich vor, wie sich zahlreiche Vögel auf den unterschiedlichsten Höhen dem Land nähern: unter Ihnen Vögel, die den Wellen ausweichen und den Klippen folgen; über Ihnen Vögel, die teilweise wenige Meter hoch fliegen, teilweise aber auch in solchen Höhen, dass sie nur ab und zu wie ein weit entferntes Flugzeug aus den Wolken auftauchen. Das spektakulärste Erlebnis bieten aber die Vögel, die sich auf Kopfhöhe nähern – ganze Schwärme, die plötzlich aus dem Grau auftauchen und manchmal so nah an Ihnen vorbeischießen, dass man ihre Flügelschläge hören kann, ein betörendes Geräusch nur ein bis zwei Meter von ihrem Ohr entfernt, nur für den Bruchteil einer Sekunde wahrnehmbar, aber unvergesslich.

Mehr Informationen

An solchen Tagen läuft der Versuch, die ankommenden Vögel zu zählen, faktisch ins Leere. Mehr als grobe Schätzungen sind einfach nicht möglich, wenn sich aus verschiedenen Entfernungen und Höhen in unvorhersehbaren Abständen Schwärme von Vögeln nähern. Das Besondere daran, wenn man eine solche Ankunft hier in Filey erleben darf, ist jedoch die Nähe zum Geschehen. Sie haben das Gefühl, als befänden Sie sich im Auge eines einzigartigen und willkommenen Sturms. Sie sind so nah dran, dass Sie vielen dieser todesmutigen Reisehelden direkt in die Augen schauen können, während diese ihre Mission zu Ende bringen – die erfolgreiche Überquerung der wilden und gnadenlosen Nordsee.

Mark Pearson

Ich habe das Glück, viel Zeit damit zu verbringen, Vögel und wild lebende Tiere zu genießen. Ich bin hier an der Küste von Yorkshire an der Westküste der Nordsee (wo ich aufgewachsen bin und vor einigen Jahren zurückgekehrt bin). Unter anderem bin ich Feldornithologe, Naturtexter, Redner und Guide, Kommunikationsspezialist für Naturschutzzwecke und Musiker / Songwriter bei Morning Bride.