Wie bei verschiedenen Instrumenten in der Musik erfordert es Übung, jeden einzelnen Klang zu identifizieren.

Star

Wer sich über Jahre mit Musik und Instrumenten beschäftigt, erkennt in Konzerten schnell, welches Instrument tragende Rollen übernimmt und zu welchem Teil der Melodie beiträgt. Direkt nach Sonnenaufgang im Frühjahr erklingt das Vogelkonzert so vielseitig, dass es für ungeübte Ohren wie ein großartiges, fröhliches Durcheinander klingt. Schwierig erscheint es hier, überhaupt einzelne Vogelstimmen voneinander zu unterscheiden.

Tatsächlich ist es viel einfacher, sich das Aussehen der Vogelarten einzuprägen als ihre Stimmen. Wie in der Musik braucht es viel Übung mit jeder einzelnen Stimme, um sie identifizieren zu lernen.

Selbst dann bleibt jedoch ein morgendliches Frühlingskonzert angesichts der Vielfalt eine Herausforderung.

Im Film „The Big Year“ über extreme Vogelbeobachter, die in den USA ein Jahr lang darum konkurrieren, wer die meisten Vogelarten sieht, ist die Figur Brad der Experte für Vogelstimmen. Während der Arbeit hört er Vogelstimmen, und sein Kollege, der rein hört und auf den neuesten Hit hofft, ist peinlich berührt. Er meint nur trocken „Rock on!“ zu ihm. Tatsächlich hilft es Brad im späteren Wettbewerb, die Vögel zu hören, um sie dann zu finden und zu beobachten.

Bei Vogelarten, die sich ähnlich sind, wie der Zilpzalp und der Fitis, ist es zum Unterscheiden sehr sinnvoll, ihre Stimmen genau zu kennen.

Wie beginnt man am besten?

Wie startet man, wenn man jetzt nicht direkt den geografischen Dialekt eines Vogels wie der Mönchsgrasmücke in Europa, die im Südwesten Deutschlands eine extra Schleife singt, oder der Gambelmeise in den USA, die in Berghöhen anders klingt, erkennt? Tatsächlich führt kein Weg daran vorbei, sich zuerst einmal alle Vogelstimmen einzeln anzuhören und einzuprägen. Hierzu gibt es heute zahlreiche Apps wie die Merlin Bird ID der Cornell University oder nationaler Naturschutzverbände für jedes Gebiet. Es gibt sogar Apps, die die Vogelstimmen automatisch erkennen. Jedoch lernt man daraus nicht viel und die Herausforderung ist, dass Vögel selten ohne Nebengeräusche zu hören sind und die App auch nur Vorschläge anbieten kann. Zudem ist die Auswahl an Büchern und CDs mit Vogelstimmen groß.

Mönchgrasmücke

Gambelmeise

Um sich die einzelnen Stimmen einzuprägen, sind individuelle Eselsbrücken sehr sinnvoll. In Büchern ist die Stimme transkribiert und in einen lesbaren Ruf übersetzt. Jedoch kann nicht jeder etwas damit anfangen. Daher sind eigene Notizen und Vergleiche hilfreicher. Den Kuckuck erkennt vermutlich jeder schnell, da er quasi seinen eigenen Namen ruft. Der Mäusebussard klingt für einige wie eine klagende Katze, für andere wie das kleine Nachbarsbaby, wenn es Hunger hat. Der Teichrohrsänger oder der Sumpfrohrsänger schimpft wie „ein Rohrspatz“, wie uns das Sprichwort sagt. Entscheidend sind, eigene Vergleiche herzustellen, um diese sofort in der Natur abrufen und den Vogel identifizieren zu können.

Wann und warum singen Vögel?

Hat man sich dann erstmal eingehört, stellt sich die Herausforderung in der Natur. Denn Vögel singen aus den unterschiedlichsten Gründen und klingen daher auch hin und wieder mal anders. Ihre Gesänge sind am leichtesten zu lernen, denn diese sind länger, melodisch und haben sich wiederholende Elemente. Meist singt das Männchen, um das Weibchen im Frühjahr zu umwerben, oder sie halten mit dem Gesang einfach Kontakt innerhalb der Art zueinander. Die Waldkäuze sind eine schöne Ausnahme, denn sie singen als Paar im Duett.

Waldkauz

Sumpfrohrsänger

Rufe klingen häufig etwas anders. Sie dienen dazu, Artgenossen oder die eigene Brut im Nest vor Gefahren zu warnen. Häufig rufen Vögel zudem, wenn sie ihren Flug starten, wenn sie Artgenossen anlocken wollen, oder um den Schwarm zusammen zu halten. So wie Hunde ihr Revier markieren, tun dies Vögel über Rufe. Einige Vögel wenden sogar Tricks zum Täuschen ihrer Artgenossen an. Sie bewegen sich stark, singen laut und viel und erwecken so den Eindruck für andere, dass schon mehrere Artgenossen im Revier wären.

Einzelne Arten sind herausragende Stimmenimitatoren. In Europa sind dies in erster Linie der Star und der Sumpfrohrsänger. Damit täuschen sie andere Arten. Der Laubenvogel in Australien schafft es sogar, Katzen nachzuahmen, und damit Feinde zu vertreiben. Das sind jedoch eher die Ausnahmen und in der Regel kann man sich auf das Gelernte und die eigenen Eselsbrücken verlassen.

Mäusebussard

Erste Eindrücke

Der Kuckuck ist tatsächlich das einfachste Beispiel und vermutlich den meisten Menschen geläufig. Aber auch der Zilpzalp macht seinen Namen Ehre, denn sein Gesang ist als eine Art „zilp-zalp“ zu deuten und damit leicht wiederzuerkennen. Während der Fitis, der ihm vom Aussehen so ähnlich ist, viel gleichbleibender und eindringlicher singt.

Ein Pirol klingt sehr nach Tropen, obwohl er in Mittel- und Südeuropa häufig vorkommt. Da er sich so heimlich verhält, hört man ihn eher, als dass man ihn sieht. Mit diesem besonderen Ruf, der an die Geräusche in einem Tropenhaus im Zoo erinnert, sticht er heraus unter den Singvögeln, die wir sonst in Siedlungsnähe hören. Mauersegler sind in der Stadt vermutlich die Vögel, die man am häufigsten mit ihren lauten Rufen hört. Sie sind fast immer im Trupp unterwegs, führen ihre beeindruckenden Flugmanöver bis direkt an die Häuserwände und Balkone vor und gehören zum abendlichen Konzert der Stadt.

Kuckuck

Zipzalp

Fitis

Pirol

Mauersegler

Auch die Kohlmeise ist in den Gärten und im Stadtgebiet mit ihrem lauten „Di-di-di-di“ nicht zu überhören. Während bei der Elster der größere Klangkörper zu erkennen ist und in Parks mit zum bekanntesten Geräusch gehört. Die Amsel singt variantenreich, aber sehr schön und ist vermutlich durch ihre Häufigkeit den meisten Menschen von klein auf vertraut.

Sumpfrohrsänger und Teichrohrsänger haben diesen fordernden Ruf und erinnern an einen Ausflug an den See. Der Grünling wiederum lässt sich an dem gleichbleibend hohen Gesang erkennen, gut versteckt oben auf dem Baum, ist er doch prächtig zu hören. Die Mönchsgrasmücke singt immer noch einen extra Triller und gehört zu den schönsten Vogelstimmen. Von den Greifvögeln ist der Mäusebussard nicht nur die häufigste Art, sondern auch durch den Vergleich mit der jammernden Katze oder dem hungrigen Nachbarskind am leichtesten wiederzuerkennen.

Kohlmeise

Elster

Amsel

Teichrohrsänger

Grünling

Michaela Sulz

Michaela Sulz ist leidenschaftliche Vogelbeobachterin und Bloggerin für den ZEISS Nature Blog.