Max Götzfried über sein Jagdglück im hessischen Forst

Darmstadt
Umgeben von den weiten Wäldern der Bergstraße und des Odenwaldes, bieten die lokalen Reviere ideale Bedingungen für die Jagd von Schwarz- und Rehwild.

Erst fünf Meter vor dem Buffet, scheint der schwache Fuchs Sicherheitsbedenken zu bekommen und setzt sich hin.

Max Götzfried

Da der Gesetzgeber mit feinem Gespür für Männerleiden sonntägliche Einkaufstouren oder gar die Höchststrafe „Ikeabesuch“ blockiert, wird es mir durch meine Äußerungen: „Schönes Wetter heute!“ und „Die Hunde müssten auch mal raus!“ überraschend leicht gemacht, ins Revier fahren zu dürfen. Schon bei der Routinekontrolle des ersten Luderplatzes in einem Wiesengrund fällt mir ein schmaler Tritt in einem Maulwurfshügel auf – Damkahlwild? Tatsächlich, zwei weitere Hügel bestätigen: Mindestens Alttier und Kalb, für unser Revierchen eine Seltenheit! Da auch der Luderplatz angenommen ist, will ich einen Ansitz Marke Rückenschmerz wagen – durchsitzen bis morgens. Auch wenn ich jedes Stück Wild beim aktuellen Halbmond durch mein restlichtverstärkendes ZEISS VICTORY 5.6×62 Night Vision bestens ansprechen und durch das auch ohne Hilfsmittel lichtstarke, ZEISS V8 2,8-20×56 noch leichter ins Glas bekommen werde, gibt es ein Problem: das Nachtjagdverbot auf Damwild.

Die Chance, dass ich tatsächlich und zu legaler Zeit eine der schmackhaften, gefleckten Keulen zu Gesicht bekommen würde, ist zwar gering, aber nicht geschossen ist ja bekanntlich auch vorbei – eine Stunde vor Dämmerung beziehe ich Posten und harre der Dinge, die da kommen sollen. Erst einmal kommt aber lange gar nichts, abgesehen von zwei Hasen und drei Rehen. Die erste Hürde hat das Damwild genommen, jetzt darf ich sowieso nicht mehr – aber die Bewegung da eben… Meister Reineke macht zur Abwechslung mal keine Kompromisse und schnürt wie auf Schienen so etwas von direkt auf den Luderplatz zu, dass ich kaum Zeit habe, die Waffe leise in Anschlag zu bringen.

Erst fünf Meter vor dem Buffet, scheint der schwache Fuchs Sicherheitsbedenken zu bekommen und setzt sich neugierig vor mich hin. Es ist keine Kunst, den feinen Leuchtpunkt in aller Ruhe mitten auf den weißen Brustlatz zu setzen. Ich vergewissere mich noch einmal mit dem Nachtsichtgerät, dass der Räuber liegt und will mich gerade zufrieden zurücklehnen, als ich zufällig einen weiteren Huscher wahrnehme.

Der nächste Fuchs nähert sich, als sei überhaupt nichts geschehen, genauso schnurstracks dem Luder und – das hätten Synchronschwimmer auch nicht besser hinbekommen – setzt sich exakt auf die gleiche Weise auf genau die andere Seite des Luderplatzes. Gibt‘s das? Ich halte mich nicht lange auf, wir haben ein Niederwildrevier… Auch Nr. 2 ist keine Kunst. Doch jetzt ist guter Rat teuer. Das Nachtjagdverbot gilt noch bis morgens – aber nicht auf Sauen! Ich beschließe daher, meinen Ansitzsack als Platzwärmer zurückzulassen und erst einmal unser Stadtrand-Problemgebiet aufzusuchen. Ich bin noch nicht richtig aus dem Auto ausgestiegen, als mir vor lauter Schreck beinahe das Nachtsichtgerät aus der Hand fällt: rund 150 Meter vor mir unterzieht ein richtiger Brocken von Sau die feuchte Wiese einer ausgiebigen Wurmkur.

Ha! Was ist denn heute los? Eigentlich müsste ich mich kaum bewegen, aber in diesem Gelände schieße ich nicht gerne weit. Schuhe aus und vorgerückt! Vorsichtig und nervös komme ich immer näher an die Sau heran, die auf der kurzen Wiese und mit dem Stadtlicht im Rücken so auffällig ist wie eine Ölpest auf einer Skipiste. Oft schon hatte ich sie vor, aber sie führte dann entweder kleine Frischlinge, stand auf den nahen Bahnschienen, brach in aller Seelenruhe im Nachbarrevier oder hatte sonst irgendeinen Schutzengel.

Was für ein Klotz, das kann doch nur… Erna! Die Grande Dame der Darmstädter Stadtsauen!

Max Götzfried

Denn auch wenn es eine Bache ist, so gilt ihr mein bevorzugtes Streben – sie führt in jedem Jahr eine Vielzahl von Neubürgern, die immer weiter und unverfrorener das Stadtgebiet bevölkern. Erst letzte Woche hatte ich sie ein paar hundert Meter weiter zufällig eine Straße queren sehen, mit neun (!) „Frischlingen“ von fast einem Zentner, die gegen sie übrigens aussahen wie Halblinge. Ich schaue mich um, kann Ernas Gefolgschaft aber nirgends entdecken.

Da die aber ohnehin nicht mehr von ihr abhängig ist, beschließe ich, diese Chance zu nutzen. Ich habe jedoch vergessen, das Glas wieder herunter zu drehen, so dass Erna im ersten Moment auf die kaum 20 Meter gleich noch monströser aussieht. Vor lauter Aufregung tanzt der extrem feine Leuchtpunkt auf ihr Jive – bloß keine Nachsuche in diesem Problemgebiet!  Ich muss noch einmal kurz absetzen. Dann ziele ich bewusst auf die Blattschaufeln, um eine Flucht zu vermeiden. Mit beeindruckendem Kugelschlag sackt die schwarze Lokomotive zusammen wie ein Mehlsack.

Mit gemischten Gefühlen trete ich an die alte Dame heran, die, wie sich später herausstellt, sage und schreibe aufgebrochen 103 Kilo wiegt. Als ich leicht sentimental über ihr einstiges Revier schaue, trollt aus einer Bebauungslücke in einiger Entfernung und wohl durch den Schuss hochgemacht die Entourage der Königin heran, die neun Zentner-Sauen! Sie wollen den sicheren Hafen der Bahndammhecken erreichen, schnell jetzt, mitziehen, mitziehen…! Die zweite zeichnet deutlich und fällt sofort zurück, was die Rotte völlig durcheinanderbringt und in alle Richtungen flüchten lässt.

Kaum fünf Meter vor mir verhofft ein Kujel, um sich zu orientieren – ein Kinderspiel und 200 Kilo Wildbret in vielleicht zwei Minuten, heute ist wirklich ein besonderer Abend! Stunden später, schlagkaputt und nass geschwitzt, hadere ich am Jagdhaus mit mir – soll ich es wirklich noch einmal im Wiesengrund versuchen? Ich muss ja ohnehin noch mein Zeug dort abholen!

Mehr schlappend als pirschend nähere ich mich unvorsichtig der Kanzel – schon wieder ein großer, schwarzer Klumpen! Das Nachtsichtgerät bringt mich vollends in die Nähe eines Herzinfarktes: da steht nicht irgendwas, sondern ein gewaltiger Schaufler! Einer, wie ich ihn in diesem Revier noch nie gesehen habe! Und noch viel schlimmer: Ich bin so müde daher gewackelt, dass er mich längst mitbekommen hat. Er lässt sich die Zeit, mir durch seine gewaltige Auslage und breiten Schaufeln hörbar das Kinn herunter zu klappen, dann dreht er sich gemächlich um und zieht spitz von mir weg in den nahen Wald.

Immer wieder verhofft er und lacht mich breitstehend aus. Er passt wie die Faust aufs Auge, ein „Einser“ aus dem Bilderbuch – aber es ist immer noch Nachtzeit! Mit offenem Mund starre ich ihm hinterher, bis er in den einzigen kleinen Wald zieht, den wir in unserem von Staatswald umgebenen Feldrevier überhaupt haben. Völlig verdattert über diesen wahrhaft seltenen Besuch krabbele ich die Leiter hinauf und plumpse auf meinen Schlafsack. Nicht, dass ich ein großer Trophäenjäger bin, aber dieser Schaufler ist beeindruckend.

Ein einziges Mal in über zwanzig Jahren habe ich so einen Hirsch vor – und dann das!

Max Götzfried

Plötzlich hellt sich meine Miene ebenso auf wie, als wäre es bestellt, allmählich das Morgengrauen um mich herum. Was will der Schaufler überhaupt in diesem Wäldchen? Das ist doch gar kein Einstand für ihn! Ich habe eine winzige Chance, denn links von mir sind 20 Hektar fast durchsichtiger Hochwald – rechts von mir aber über 1000 Hektar Staatswald mit Buchenrauschen en masse! Bei dem Glück, was ich habe, will ich‘s doch versuchen. Fieberhaft beobachte ich im Halbanschlag die Waldkante. Hinter unserem Wald und rechts davon ist blankes Feld, links ein Rangierbahnhof – der Schaufler kann eigentlich nur hier durchwechseln, muss irgendwie an mir vorbei! Nervös fummele ich an der Sicherung herum, überprüfe das Glas, mustere immer wieder das Wiesental… Da! Nein, ein Hase… Da! – Nein, der Unkrautbusch steht da schon die ganze Nacht. Oder da…? Langsam schiebt sich weit hinten ein Vorschlag in die Wiese, dann eine weit ausladende Schaufel – der Schaufler hat seinen Irrtum bemerkt! Wie eine Salzsäule sichert er den Grund entlang, dorthin, wo er mich zuvor entdeckt hatte.

Ihm war sichtlich unwohl bei dem Gedanken, jetzt wieder an dieser Stelle vorbei zu müssen. Wie soll man da ruhig bleiben? Sicher über 200 Meter sind‘s zum Schaufler, für mich „Kunstschütze“ kein Pappenstiel. Ich drehe auf 20-fach, korrigiere die ASV – und wartete auf „den“ Schritt. Doch die Salzsäule steht. Und steht. Und steht. Eine gefühlte Ewigkeit, die mich im Anschlag verzweifeln lässt. Kruzefix! Da dreht sich die Schaufel wieder ein, der Hirsch sichert nach vorne – gleich… Majestätisch zieht mein Gegenüber ins Freie und sichert erneut in meine Richtung. Jetzt oder nie. Der Flug des HIT Geschoss in .30-06 dauert eine gefühlte Ewigkeit, dann aber findet es klatschend sein Ziel. Der alte Schaufler bäumt sich ein letztes Mal auf – und sinkt in die Wiese. Nicht einmal repetieren kann ich, so zittrige Hände habe ich. Was für eine Nacht! Ich muss mich sammeln, bevor ich an El Capo herantrete und ehrfürchtig sein vernarbtes Haupt anschaue. Zum zweiten Mal in so kurzer Zeit bin ich zwiegespalten. Ein seltener Gast – ein jähes Besuchsende. Erst etwas später stellt sich Erlegerfreude ein…


MAX GÖTZFRIED

 


Geboren wurde Max Götzfried im November 1975 in Frankfurt am Main. Von klein auf lebt er für Natur, Hunde und vor allem die Jagd. Sein Vater, Jagdautor Roderich Götzfried, hat diese Leidenschaft in ihm geweckt. Die Jagd auf Sauen, besonders die Pirsch auf sie, hat es Max besonders angetan, so dass er hierüber sogar Seminare für interessierte Sau- oder Jungjäger gibt.