Ein Samstagmorgen mit dem Young Birders Club an der Carl Zeiss Vogelstation

4:45 Uhr: Der Wecker klingelt. Ausschlafen am Samstagmorgen? Nicht wenn es heißt Zugplanbeobachtung mit dem Young Birders Club! Schon vor Sonnenaufgang wird angefangen alle ziehenden Vögel zu zählen. Das heißt um 7:30 Uhr Treffen am Wedeler Yachthafen. Der Yachthafen wird ausgewählt, da dieser die schmalste Stelle der Elbe darstellt und somit die Zugvögel sich dort sammeln um möglichst kurz über Wasser fliegen zu müssen. Der heutige Samstag beginnt grau und mit starkem Südwest-Wind, keine optimalen Bedingungen für den Vogelzug, bei Gegenwind ziehen normalerweise kaum Vögel. Trotzdem sammelt sich eine kleine Gruppe an Young Birders am Yachthafen.

Und es hat sich gelohnt! Trotz des Windes ist heute ein Massenzugtag und im Sekundentakt fliegen Vogelschwärme über die Elbe Richtung Süden.
Den Rekord an dem Tag halten Buchfinken, hier ziehen in drei Stunden mehr als 21.500 Individuen über die Elbe. Doch auch bei den Finkenschwärmen heißt es immer aufmerksam sein, zwischen den Buchfinken sind vereinzelte Bergfinken und Kernbeißer. Bei solchen Zugbeobachtungen ist die Bestimmung eine Kunst für sich, Vogelarten die am Boden ganz unterschiedlich aussehen sind im Überflug kaum zu unterscheiden und nur durch Rufe und die Flugsilhouette zu unterscheiden.

Doch heute haben wir Glück, durch den Wind fliegen die Vögel tiefer als normal und die Bestimmung wird erleichtert. Es ist beeindruckend, wenn man auf der leicht erhöhten Mole direkt an der Elbe plötzlich mitten in einem Schwarm aus hundert Buch- und Bergfinken steht, die einem um den Kopf fliegen.

Vier zählen, einer schreibt die Zahlen auf, bei jeder Vogelart erklärt Christian, woran man die Art erkennt. Bergfinken fallen zwischen den Buchfinken durch ihren Ruf auf. Mit dem ZEISS Victory SF Fernglas ist auch die andere Färbung der Unterseite gut zu erkennen. Noch sind erst vereinzelte Bergfinken dazwischen, später im Herbst werden es deutlich mehr werden. Die Kernbeißer sind in den Trupps kaum zu übersehen, schon von der kräftigen Statur und der Größe fallen sie sofort auf, dazu der typische „Kicks“-Ruf, damit ist der Kernbeißer schön zu erkennen. Auch Erlenzeisige und Fichtenkreuzschnäbel sind durch ihre Rufe gut zu erkennen und ziehen vereinzelt über.

Die letzten Rauchschwalben sind ebenfalls noch unterwegs, andere Schwalbenarten sind schon seit einigen Wochen weg, doch Rauchschwalben sind bis Mitte Oktober noch vereinzelt auf dem Durchzug.
Die Drosseln beginnen dafür erst langsam zu ziehen, Sing-, Wacholder- und Misteldrosseln sind in kleinen Trupps unterwegs, Rotdrosseln sind schon einige hundert dabei. Die Drosseln im Flug zu unterscheiden erfordert eine ganze Menge Übung, gerade Rot- und Singdrosseln sind sehr ähnlich und ziehen oft noch zusammen, da helfen nur die Rufe zur Unterscheidung.

Das Highlight des Tages sind zwei Merline auf dem Weg in den Süden. Die kleinen Falken sind hier sehr selten und zwei an einem Tag zu sehen, ist eine echte Besonderheit.

Im Anschluss an die Zugplanbeobachtung geht es weiter in die Wedeler Marsch. Auch hier ist der Vogelzug deutlich zu spüren, in den Büschen sitzen überall Meisen, Laubsänger und Finken die noch rasten bevor sie sich auf den Weg machen, auf dem Deich rasten die Bachstelzen und Wiesenpieper bevor auch sie weiterziehen. In der Carl Zeiss Vogelstation gibt es zum Aufwärmen dann noch eine Tasse Tee während wir Wat- und Entenvögel beobachten und die Zählung vom Morgen auswerten.

Insgesamt über 25.000 Vögel und 27 Arten in drei Stunden, am stärksten vertreten waren Buchfinken (21.500), Rotdrosseln (2.000) und Ringeltauben (500). Plötzlich wird es in der Vogelstation hektisch, die Gänse und Enten in der Station fliegen alle auf.
Sofort suchen alle nach dem Seeadler, doch stattdessen sind es Kraniche die die Gänse aufgeschreckt haben und direkt neben der Carl Zeiss Station in der Wiese landen.

Das habe ich bei weit über hundert Besuchen in der Vogelstation noch nie erlebt, Kraniche sind normalerweise bestenfalls hoch überfliegend zu sehen, in der Marsch gibt es für sie weder Nahrung noch Rastplätze. Doch bei dem Gegenwind und ohne Thermik haben sie heute keine andere Wahl als einen unfreiwilligen Zwischenstopp einzulegen und auf besseres Wetter zu warten.

So geht der beeindruckende und erfolgreiche Zugtag noch mit einer schönen Beobachtung und persönlichen Premiere zu Ende. Jetzt heißt es warten, bis zum nächsten Young Birders Treffen, wo wieder spannende Beobachtungen und viel Wissenswertes warten werden.

Sören Rust

Sören Rust ist ein begeisterter Young Birder und Naturfotograf sowie ehrenamtlicher Mitarbeiter bei der Carl Zeiss Vogelstation in der Wedeler Marsch.