Wissenswertes zum Vogelzug

Es rattert und knarrt. Man könnte meinen, ein Traktor ist im Anrollen. Weit und breit ist jedoch keiner zu sehen. Nach einiger Orientierungslosigkeit liefert ein Blick in den Himmel die Erklärung:

Lautstark fliegen tausende Kraniche über den Vogelsberg. Sie schrauben sich von ihren Rastplätzen in den Auensystemen Ober- und Mittelhessens hoch in die Lüfte und bilden nach einigem Chaos in der Luft ihre typische V-Formation.

Die kräftigen, erfahrenen Tiere fliegen an der Spitze in der Mitte und bilden die ersten Ausläufer an den Seiten vorne, danach folgen die Familien mit ihren durchschnittlich zwei Jungtieren.

So überwindet jeder Einzelvogel entsprechend des individuellen Energiehaushalts am besten die Strecke aus Mitteleuropa, Skandinavien oder den baltischen Staaten in Richtung Süden.

Mit ihren durchschnittlich 80 Stundenkilometern schaffen die Kraniche es von Hessen theoretisch ohne Halt bis Südeuropa. Dennoch legen sie hin und wieder eine Pause ein, manchmal zwingt sie auch Nebel oder schlechtes Wetter, tagelang am Boden zu bleiben.

Der Vogel des Glücks als einer der größten Zugvögel
Mehr als hunderttausend Kraniche bleiben in Frankreich, während die Mehrheit nach Spanien und dort vor allem in die lichten Eichenwälder der Extremadura zum Überwintern fliegt. Nur wenige tausend Vögel ziehen bis Portugal oder Nordafrika. Der Kranich ist auf fünf Kontinenten zu Hause und selbst in Europa mit der einzigen Art des sogenannten Graukranichs (Grus grus) schon deutlich größer als der Graureiher und Weißstorch.

Er schafft es mit 120-130 Zentimetern auf die Größe eines Grundschulkindes. Während die größte Kranichart, der Saruskranich (Grus antigone) in Südostasien und Nordaustralien, auf die Größe eines Erwachsenen von 170 Zentimetern kommt. Die Allesfresser ernten auf ihrem Weg in den Süden die Reste an Gemüse oder Getreidekörnern von den Feldern, brauchen jedoch für die Brut und auf Aufzucht der Jungen feuchte Lebensräume. Diese nehmen allerdings weltweit ab und gefährden einzelne Populationen.

Der große Zugvogel galt in der griechischen Mythologie als besonders wachsam und klug und war damit der Vogel des Glücks. Auch in China galt er als weise und versprach ein langes Leben.

Vom Winterschlaf bis zum Mondflug
Kraniche sind nur eine, wenn auch eine sehr große, schnelle Zugvogelart. Von den weltweit rund 10.000 Vogelarten ziehen mehr als die Hälfte in den Wintermonaten in Richtung Süden. Der Weg ist je nach Vogelart sehr unterschiedlich. Auf der Suche nach Nahrung in den Wintermonaten fliegen Kurzstreckenzieher wie Kranich, Kiebitz, Wacholderdrossel, Wiesenpieper oder die Feldlerche in den wärmeren Teil Westeuropas oder in den Mittelmeerraum.

Sie passen sich gerne den Wetterbedingungen an, bleiben bei einem warmen Herbst auch mal länger im Brutgebiet oder kehren in einem milden Winter frühzeitig in den Norden zurück.

Nachtigall, Weißstorch, Kuckuck, Neuntöter oder Mauersegler hingegen starten als Langstreckenzieher jedes Jahr zur selben Zeit ins Winterquartier. Sie wandern bis in Gebiete südlich der Sahara, die Gartengrasmücke fliegt aus Mitteleuropa bis ins südliche Afrika für den Winter. Die Küstenseeschwalbe wiederum überwindet mit 25.000 Kilometern ins Winterquartier und zurück die Hälfte des Erdumfangs. In ihrem Leben sammelt sie durchschnittlich eine Million Kilometer.

Schnepfenvögel fliegen 10.000 Kilometer ohne Pause, aber auch Kleinvögel schaffen Non-Stop-Flüge von bis zu 3.000 Kilometern. Gerade beim Flug übers Meer und über Wüsten ist das Durchhaltevermögen überlebensnotwendig.

Aristoteles war einer der ersten, der den Vogelzug wissenschaftlich betrachtete.

Allerdings fehlte ihm eine ausreichende Datenbasis und Erklärung. Er interpretierte das Verschwinden der Zugvögel so, dass sie in einen Winterschlaf fielen. Weniger wissenschaftlich orientierte Beobachter glaubten fest, die Vögel wanderten bis zum Mond. Eine erste realistische Einschätzung, wohin die Vögel verschwinden, kam erst durch Friedrich II. von Hohenstaufen im 13. Jahrhundert. Auf dem ersten internationalen Ornithologen-Kongress 1884 in Wien entschied man dann, den Vogelzug systematischer zu beobachten. Nach dem Vorbild von Sternwarten wurde in Rossitten (Ostpreußen) im Jahr 1901 die erste Vogelwarte errichtet. Dort führten die Forscher auch die Beringung von Vögeln ein.

Die Gene geben es vor
Eine Studie in Nordamerika zur Zwergdrossel ergab, dass die genetische Vorgabe zur Art des Zugverhaltens und zum Zeitpunkt des Abflugs in einer relativ kleinen Gruppe von ungefähr 60 Genen angelegt ist. Die Zwergdrossel unterteilt sich in zwei Unterarten, wovon eine im Sommer die kanadische Ostküste besiedelt und im Herbst über den Westen nach Mexiko und Südamerika zieht, während die andere Unterart aus Kanadas Inland über den Südosten der USA in den Süden gelangt.

Kreuzungen beider Unterarten entschieden sich für einen gefährlichen Mittelweg beider Flugrouten über Gebirge und Wüsten. Somit hatten die Hybriden nur geringe Überlebenschancen. Jedoch verdanken wir ihnen die Erkenntnis zur genetischen Verankerung des Zugvogelverhaltens.

Bereits innerhalb von drei bis sechs Generationen passen Zugvögel ihr Verhalten an veränderte Umweltbedingungen an. Sie sind stark betroffen vom Klimawandel sowie dem zunehmenden Landverbrauch. Als Zugvögel brauchen sie intakte Habitate im Sommerquartier, an den Rastplätzen unterwegs sowie ein reichhaltiges Angebot am Überwinterungsort.

Gemäß einer Studie von BirdLife sind nur 13% der Arten Gewinner des Klimawandels, viele andere tragen große Risiken für ihre Art, bei den bedrohten Arten kämpft ein Drittel mit den Folgen des Klimawandels. Laut dem britischen Naturschutzverband RSPB werden Vögel wie die Nachtigall aufgrund der fortschreitenden Wüstenbildung immer längere Strecken in ihr Winterquartier ohne Nahrung überwinden müssen. Um die richtige Flugroute zu finden, orientieren sich die Zugvögel an der Sonne, den Sternen und vor allem am Magnetfeld. Forscher an der Universität Oldenburg identifizierten Moleküle, die Cryptochrome, die die Vögel das Magnetfeld als visuelles Muster in ihrer Netzhaut wahrnehmen lassen.

Um die Zugstrecke optimal zu meistern, ziehen Vögel gerne in Sozialverbänden – nicht nur mit der eigenen Art.

Dr. Wulf Gatter beobachtet seit Jahrzehnten, gefördert von ZEISS, das Verhalten von Zugvögeln im Randecker Maar an der Schwäbischen Alb. Seinen Beobachtungen zufolge finden sich die Flugtrupps entsprechend ihrer Geschwindigkeit und ihres täglichen Zugmusters zusammen. Dabei passen sich die Vögel an. Ziehen beispielsweise Bergfinken, deren Männchen fast doppelt so schwer wie Buchfinkenweibchen sein können, in einem Schwarm von Buchfinken mit, fliegen sie vorne und langsamer als in artreinen Gruppen.

Die Reisegemeinschaft spart den einzelnen Vögeln Energie und schützt sie vor Raubvögeln. Sören Rust findet außerhalb von Hamburg in der Wedeler Marsch an der Carl Zeiss Vogelstation die besten Voraussetzungen, um Zugvögel in Sozialverbänden sowie in artreinen Trupps in Ruhe zu beobachten. Das Mitglied des Young Birders Club testete zum Vogelzug im Herbst seine neue Digiscoping-Ausrüstung und beschreibt uns seine Erfahrungen im Oktober.

Michaela Sulz

Michaela Sulz ist eine passionierte Birderin und ZEISS Bloggerin.


Herbstzeit in der Marsch

Nachdem der Spätsommer sich dieses Jahr noch bis weit in den Oktober mit sommerlichen Temperaturen und viel Sonne hielt, hat nun der Herbst endgültig Einzug gehalten. Auch in der Vogelwelt rund um die Carl Zeiss Vogelstation in der Wedeler Marsch waren die letzten Wochen vom Schichtwechsel unter den Vögeln geprägt. Die Brutvögel sammelten sich und zogen gen Süden, während zahlreiche Durchzügler das nahrungsreiche Elbwatt als Rastgebiet auf dem Durchzug nutzten. Auch die ersten Wintergäste kommen langsam an.


 

Als erste verließen die Schwalben und Schafstelzen die Marsch, im Laufe des Septembers waren immer wieder Trupps zu beobachten, die sich an der Station sammelten, um dann gemeinsam am Yachthafen die Elbe am schmalsten Punkt zu überqueren. An manchen Tagen waren morgens oder abends bis zu tausend Schwalben an der Kleientnahmestelle zu bestaunen, die dort übernachteten. Mitte September erreichte der Greifvogel-Zug seinen Höhepunkt, im Minutentakt zogen Rohrweihen, Fischadler, Wespenbussarde und Sperber über die Marsch.

Ein persönliches Highlight waren zwei Steppenweihen, die innerhalb von zwei Stunden auf dem Weg in den Süden die Carl Zeiss Station überflogen. Dies waren meine ersten Beobachtungen von Steppenweihen und gleichzeitig der fünfte und sechste Nachweis im Hamburger Umland für diese Art. Mit dem Oktober kam der Vogelzug trotz der immer noch sommerlichen Temperaturen dann etwas verspätet in Schwung, in der Wedeler Marsch erschienen die ersten Weißwangengänse und über 300 Bekassinen rasteten bei Hochwasser an der Carl Zeiss Station.

So viele Bekassinen konnte ich noch nie im Gebiet beobachten, bei Ebbe waren sie zusammen mit Kiebitzen und Goldregenpfeifern im Watt, um nach Nahrung zu suchen. Bei Hochwasser rasteten sie auf den Inseln der Vogelstation und waren durch das Conquest Gavia Spektiv mit Digiscoping-Adapter schön zu filmen und fotografieren. Während auf dem Gewässer rastende Enten und Watvögel die Oberhand hatten, war der Himmel voll mit Kranichen und Blässgänsen auf ihrem Weg nach Westen.

Auf dem Gewässer der Kleientnahmestelle ist derzeit noch ein weiteres Schauspiel zu beobachten, wenn hunderte Kormorane gemeinschaftlich auf Fischjagd gehen.

Die gemeinschaftliche Jagd dient dabei dem Zweck, dass die Fische alle in eine Bucht am Ufer gedrängt werden und so leichter für die Kormorane zu erbeuten sind. Dies haben auch die Silberreiher, die bei uns überwintern, gelernt und warten nun immer auf die Jagd der Kormorane, um am Ufer dann die Fische serviert zu bekommen. Oft ist zu sehen, wie dutzende Reiher am Ufer Spalier stehen und abwarten. Aufregung kommt in die gesamte Vogelwelt, wenn plötzlich der Seeadler angeflogen kommt und direkt vor der Beobachtungshütte auf einer der Inseln landet. In dem Moment wird einem erst klar, wie groß so ein Seeadler wirklich ist, wenn er direkt vor einem sitzt und nicht nur hoch am Himmel kreist.

Sören Rust

Sören Rust ist ein begeisterter Young Birder und Naturfotograf sowie ehrenamtlicher Mitarbeiter bei der Carl Zeiss Vogelstation in der Wedeler Marsch.