An der Tankstelle der Zugvögel

Flaches Land und grüne Feuchtwiesen soweit das Auge blickt. Insgesamt 24 Fußballfelder Marsch liegen vor uns. Dazwischen zwei Bekassinen auf der Suche nach Nahrung. Ein Kiebitz beim imposanten Flugmanöver, begleitet durch die Melodie einer Feldlerche. Und schließlich zwei gelbe Punkte in der Wiese, die ersten Wiesenschafstelzen, die am Deich gegen Ende April ihre Nester im Dickicht am Boden einrichten und brüten werden.

Am Rand des Geschehens, auf einem der Wege, steht Marco Sommerfeld und beobachtet die Vögel durchs Fernglas. Seine 46 Jahre sieht man ihm nicht an. Das Gesicht zu jeder Jahreszeit gesund gefärbt, immer lächelnd, wenn man ihm begegnet, und mit dem blauen NABU-Kapuzenpulli wirkt er alterslos und vermittelt gute Laune. Genau der richtige Mann für die Umweltbildung. Um seinen Job beneiden ihn viele Büromenschen.

Vom Austernfischer über den Kiebitz bis zur Zwergtrappe

Marco Sommerfeld betreut die Carl Zeiss Vogelstation seit über einem Jahrzehnt mit gleichbleibendem Engagement. Jedes Jahr begrüßt er um die 12.000 Besucher in seiner Station, davon rund zehn bis 15 Schulklassen. Vor den Führungen glauben viele der Hamburger Kinder noch, dass Enten Brot fressen. Lebendig und mit dem Fokus auf rund fünf Vogelarten bringt Marco den Stadtkindern seine Welt in der Wedeler Marsch näher. Den Austernfischer mit seiner Größe, seinem markanten Aussehen und dem besonderen Namen merken sich die Kinder schnell. Neben den Vögeln sehen sie regelmäßig auch Säugetiere. So blieb ein Hase über eine Viertelstunde zwei Meter entfernt von einer Schulklasse stehen und wartete Marcos Erklärungen ab, bevor auch er weiter hoppelte. Selbst wenn die Tiere weiter weg sind, bleiben die Kinder mit ihren zuvor ausgehändigten ZEISS Terra ED Ferngläsern nahe am Geschehen dran.

Erwachsene Besucher interessieren sich mehr für die Hintergründe der Vogelwelt und den Naturschutz.

Sie sorgen sich um den Rückgang der Vögel, den sie auch bei bislang häufigen Arten wie Kiebitz, Star und Feldlerche beobachten. Nach dem Ausbruch des Usutu-Virus, das im August 2018 erstmals auch in Hamburg hunderte Amseln sowie einzelne andere Singvogelarten traf, beantwortete Marco täglich viele Besucherfragen und Telefonanrufe besorgter Bürger.

Wichtig sind für Marco Sommerfeld und sein Team aus Praktikanten, Ehrenamtlichen und Teilnehmenden des Bundesfreiwilligendienstes daher positive Akzente zum Schutz der Vögel. Seit vielen Jahren feiern sie das Kiebitz Fest mit Führungen zu den Vögeln der Elbmarsch, zu denen Ferngläser von ZEISS verliehen werden, sowie mit Informationen zum Schutz des Lebensraums für den Wiesenbrüter. Die Kinder nehmen an separaten Erlebnistouren, einer Kiebitz Olympiade und einem abwechslungsreichen Spieleprogramm teil. Am Vogelfestival des NABU Hamburg, der HanseBird, im Juni organisiert Marcos Team mehrere Exkursionen und Vorträge.

Das Festival steht unter dem Motto „Nur was man kennt, schützt man auch“ und lockt Vogelinteressierte sowie Fotografen an, die dort neben dem abwechslungsreichen Programm auf die Optikhersteller treffen. Alle großen Optikhersteller sowie –händler zeigen ihre Neuigkeiten, Künstler präsentieren Vogelzeichnungen und ZEISS bietet einen exklusiven Fernglascheck und Reparaturservice vor Ort.

Außerhalb der Ausnahmetage mit Festivals bestimmen Biotoppflegemaßnahmen, Pressearbeit und die Besucherbetreuung den Alltag an der Vogelstation. Marco ist viel draußen, koordiniert den Einsatz seines Teams und hat selbst alle Hände voll zu tun, denn die Arbeit rund um die Station geht nie aus. Vor sieben Jahren wurde sein Alltag kurzzeitig auf den Kopf gestellt. Zum ersten Mal nach einem Vierteljahrhundert tauchte wieder eine Zwergtrappe in Deutschland auf. An die Tausend Ornithologen aus ganz Deutschland strömten in das Gebiet der Station, um den seltenen Vogel vors Fernglas zu bekommen.

Eine nicht ganz typische Orni-Laufbahn

Überhaupt gibt es kaum einen besseren Job, um Seltenheiten zu entdecken. Gerade zu den Zugzeiten kommt Marco voll auf seine Kosten. Inzwischen ist er bei über 350 Vogelarten im Club 300 in seiner Deutschlandliste angekommen. Als wir im Herbst zum ersten Mal telefonierten, berichtete Marco live von den Kranichen, die über die Marsch zogen sowie über einen Sperber, der übers Haus flog. Es ist immer etwas los und Marco freut sich auch über die alltäglichen Sichtungen.

Typischerweise steigen deutsche Vogelbeobachter, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben, bereits in der Kindheit bei den Naturschutzverbänden ein, gehen direkt nach der Schule ins Wattenmeer, richten ihr Studium entsprechend aus und suchen sich eine Stelle bei Verbänden oder Behörden. Bei Marco verlief die Ornithologenlaufbahn zuerst nicht so geradlinig. Als Kind zählte zwar „Mein erstes Vogelbuch“ zu seinen Lieblingsbüchern und er half gerne dem Großvater bei den Hühnern und Tauben, aber als Teenager hatte er andere Interessen. So absolvierte er mit 17 Jahren erst einmal eine Ausbildung zum Krankenpfleger. Das empathische Eingehen auf Bedürfnisse anderer helfen ihm bis heute in seinem jetzigen Job. Über den Zivildienst im Nationalparkhaus Dangast am Niedersächsischen Wattenmeer schlug Marco dann den klassischen Weg deutscher Vogelbeobachter ein.

Er hatte den Reiz der Arbeit in der Natur entdeckt und wollte nicht zurück ins Krankenhaus.

Also holte er sein Abitur nach, studierte Landschaftsökologie in Münster, arbeitete dort ehrenamtlich beim Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) mit und schrieb seine Diplomarbeit über Singvögel auf Wangerooge. Darüber kam er auf die Idee, eine Stelle als Wattführer in der Naturbildung beim Naturschutzbund zu beginnen. Bis ein Freund ihn auf die ausgeschriebene Stelle im Wedeler Marsch aufmerksam machte.

Seine Urlaube verbrachte Marco wie viele Ornithologen auf Lesbos, in Israel und Marokko. Seit drei Jahren nun konzentriert er sich auf die Alpenvogelarten in Bayern zum Ausgleich für seinen Alltag an der Elbe.

Das Wedeler Marschland entlang der Elbe ist die Tankstelle sehr vieler europäischer Zugvögel.

Junge geologische Formation

An die 160 Vogelarten zählt Marco Sommerfeld regelmäßig in dem Gebiet, davon brüten 80 Arten vor Ort. Als Schwemmland ist es aus Sedimenten des Watts und der Salzwiesen entstanden und gehört wie alle Marschen zu einem sehr jungen geologischen Phänomen. Es entstand erst nach der Eiszeit.

Der NABU Hamburg übernahm 1984 das Gebiet der Kleientnahmestelle Fährmannssand in der Wedeler Marsch, gestaltete das Gewässer um und entwickelte es damit zur perfekten Tankstelle für Watvögel in den Flachwasserzonen, einem Entenparadies im tieferen Wasser und einem idealen Brutplatz in den Grünflächen für Bodenbrüter.

Selten sieht man mehr Vogelarten auf so kleinem Raum. Ideal also auch für den ornithologischen Nachwuchs, dachte sich Marco Sommerfeld. Er gründete gemeinsam mit einem Freund den Young Birders‘ Club nach amerikanischem Vorbild. Als Naturtalent im Umgang mit Menschen gewann Marco schnell junge Freiwillige, erklärte ihnen die Grundlagen der Vogelbestimmung und führt inzwischen Wasservogelzählungen und Vogelberingungen mit ihnen durch.

Inzwischen organisieren sich die Jugendlichen häufig auch selbständig mit gemeinsamen Wochenenden und Ausflügen. Auf diesem Weg hat Marco dazu beigetragen, dass die Jugendlichen ihre Leidenschaft mit Gleichgesinnten teilen und inzwischen sogar einige, anders als er damals, den direkten Weg zu ihrem künftigen Traumberuf gefunden haben.

Nächste Events
  • Kiebitz Fest an der Carl Zeiss Vogelstation: 28. April 2019, 10-16 Uhr, Eintritt frei
  • HanseBird: 15.-16. Juni 2019

Michaela Sulz

Michaela Sulz ist eine passionierte Birderin und ZEISS Bloggerin.