Befiederte Künstler

Kaum ein Begriff erzeugt so viele typisch deutsche Bilder im Kopf wie die „Laube“. Sie ist quasi der Inbegriff für sommerliche Gemütlichkeit im Grünen, sei es im eigenen Garten oder im Schrebergarten. Nichts schützt so gut vor Regen und Sonne wie die Laube und sie sichert ab gegen neugierige Blicke.
Bei uns gilt der Laubenbau nicht gerade als künstlerische Leistung. Wer die ungewöhnliche Unterart der Sperlingsvögel, die Laubenvögel, in ihrem Balzverhalten beobachtet, kommt jedoch nicht umhin, von Kunst zu sprechen. Insgesamt gibt es in Australien und Neuguinea 20 Laubenvogelarten, wovon 17 Arten eine Art Laubenkunstwerk bauen, um Weibchen zu beeindrucken und zur Paarung zu bringen.

Je nach Unterart bauen die Vögel Alleen, unterschiedliche Gänge oder Vorplätze. Zumeist schmücken sie ihre Laube jedoch sehr aufwändig. Der Seidenlaubenvogel hat sich beispielsweise auf blaue Dekoartikel spezialisiert. Vermutlich weil Blau in der Natur eher selten ist und daher mehr auffällt. Der Tropfenlaubenvogel wiederum liebt alles Weiße zur Verschönerung seiner Laube.
Wenn die Vögel nicht ausreichend Pflanzen, Schnecken oder Beeren finden, weichen sie gerne auf Abfall von Menschen aus: Glas, Plastikdeckel von Flaschen, aber auch Munitionshülsen sind willkommenes Material für ihre Kunstwerke. In einzelnen Nestern wurden über tausend Schmuckstücke gefunden.

Graulaubenvögel arbeiten sogar mit Perspektive: Vorne am Eingang verwenden sie kleinere Steine, nach hinten hin größere, so dass alles gleich groß wirkt und sie in der Laube für das Weibchen noch mächtiger erscheinen.

Sie konzentrieren sich aber nicht nur auf Installationskunst, sondern schwingen gerne den Pinsel. Früchte und Pflanzen zerkauen sie zu Brei, nehmen sie in den Schnabel oder holen eine Feder zu Hilfe und bemalen damit ihr Nest.

Kunst als intelligenter Schaffensprozess
Warum Kunst als legitime Bezeichnung erscheint, liegt an dem Schaffensprozess. Anders als bei den meisten Tierarten scheint der Laubenbau nicht über Instinkte genetisch vorgegeben zu sein. An Vögeln in Gefangenschaft wurde beobachtet, dass sie die Lauben nicht vollständig ausbauen. Ihnen fehlen die Lehrjahre bei älteren Artgenossen. Laubenvögel haben ein überdurchschnittlich großes Gehirn im Verhältnis zu ihrem Körper und sie werden erst nach einigen Jahren geschlechtsreif.

Zumeist beobachten sie zuerst jahrelang geschlechtsreife Männchen beim Nestbau, häufig bleiben sie sogar bei der Balz in nächster Nähe. Die älteren akzeptieren dies zumeist, da sie sich selbst darüber beweisen. Für Nachwuchsbaukünstler gibt es gemeinsame Lernprojekte zum Üben. Wobei die Jungvögel nicht kooperativ vorgehen, sondern überprüfen, was die anderen gemacht haben, dies zerstören und einen neuen Versuch starten.
Was wirklich Kunst ist, darüber entscheiden einzig und allein die Weibchen der Laubenvögel. Sie wählen den Partner mit der schönsten Laube. Häufig bauen Männchen nur 100 Meter entfernt voneinander die Lauben, so dass die Weibchen keinen großen Aufwand bei der Auswahl betreiben müssen. Tatsächlich verpaaren sich die größten Künstler mit bis zu 30 Weibchen, während die Unbegabten ganz leer ausgehen können.

Zwischen den Unterarten verhält es sich nach dem einfachen Grundsatz: Je unscheinbarer das Männchen gefärbt ist, umso prächtiger ist die Laube.

Obwohl die Laubenvögel eng verwandt sind mit den Paradiesvögeln, sind sie im Gegensatz zu ihnen tatsächlich sehr unauffällig und glänzen allein mit ihrer Kunst, gebaut auf einem freien Platz im Dickicht.

Einzig der Kunst verschrieben
Mit Brut und Aufzucht halten sich die männlichen Künstler nicht auf. Das überlassen sie den Weibchen, die sich nach der Paarung selbst um alles, inklusive Nestbau, kümmern müssen. Der Evolutionsbiologe Jared Diamond nennt die Laubenvögel die „menschlichsten aller Vögel“. Beispielsweise töten einzelne Arten von ihnen Insekten nur deshalb, um sie als Dekoration in ihre Laube einzuarbeiten. Unter allen Spezies ist dies nur noch bei Menschen mit Jagdtrophäen bekannt. Ihre Ausrichtung an der Kunst ist so konsequent, dass sich die Männchen den ganzen Tag damit beschäftigen.

Fällt ein Blatt auf ihre Laube, entsorgen sie dieses sofort, hat ein anderes Männchen schönere Schmuckstücke für die Kunst, holen sie dies oder zerstören auch mal das Kunstwerk des anderen.

Ähnlich wie beim Menschen wirkt Luxus. Die Männchen beeindrucken, indem sie Überflüssiges einbauen und sich mit Dingen beschäftigen, die alles andere als fürs Überleben notwendig wären. So verwenden beide Geschlechter der Laubenvögel sehr viel Zeit auf die Imitation von Gesängen anderer Vögel aber auch sonstiger Geräusche. Der Zahnlaubenvogel beherrscht 44 verschiedene Vogelgesänge sowie die Laute von Flughunden und Fröschen. Es gibt Exemplare, die perfekt fallendes Laub, rauschendes Wasser oder dröhnende Kettensägen nachahmen können.

Bekannt sind Fälle, in denen Laubenvogelweibchen durch Miauen Katzen aus Bäumen gejagt oder Rufe von Greifvögeln imitiert haben, um in Ruhe zu brüten.
Ihre besonderen Habitate schützen die Laubenvögel. Einige Arten in abgelegenen Bergregionen Neuguineas sind bislang wenig erforscht, dort leben sie weitgehend ungestört. Der Seidenlaubenvogel aus dem Osten Australiens ist der bekannteste. Er lebt siedlungsnah, holt sich gerne auch mal Schmuck aus Häusern und frisst sich durch Obstplantagen oder bedient sich an seiner Lieblingsspeise, dem Mais. Hier besteht neben Gefahren durch den Einsatz von Spritzmitteln vor allem die Gefahr, durch den Menschen direkt getötet zu werden. Dabei sollten wir sie einfach intensiv beobachten, wir können noch viel von ihnen – nicht nur in Sachen Laubenkunst – lernen.

Michaela Sulz

Michaela Sulz ist eine passionierte Birderin und ZEISS Bloggerin.