Ein Wintertag in der Wedeler Marsch

Blässgänse sind in der Wedeler Marsch in kleineren Gruppen, häufig auch im Familienverband, zwischen den Weißwangengänsen unterwegs und ebenfalls ein typischer Wintergast.

Der Dezember steht für viele ganz im Zeichen der Weihnachtsvorbereitungen, dabei gehören Gänse untrennbar dazu. Doch nicht nur auf dem Speiseplan steht der Winter im Zeichen der Gänse, auch in der Wedeler Marsch ist die Winterzeit die Zeit der Gänsetrupps. Dabei können die Hälfte der 16 weltweit vorkommenden Gänsearten in der Wedeler Marsch beobachtet werden.

November und Dezember sind von der Vogelwelt her eher beschauliche Monate bei uns in Wedel, die Sommergäste sind längst im warmen Süden und auch der Vogelzug ist weitgehend vorbei.
Doch die Carl Zeiss Vogelstation lockt auch in dieser Jahreszeit mit spannenden Beobachtungen.

Im Vordergrund stehen dabei tausende nordische Wildgänse, die aus den Brutgebieten am Polarkreis kommen um hier zu überwintern.

Die Weißwangengans ist im Winter der Charaktervogel der Marsch, zu den Höchstzeiten sind über 12.000 Gänse anwesend und bereichern das winterliche Vogelleben.

Bei uns in der Marsch ist dabei die Weißwangengans (Nonnengans) die häufigste Art. Die ersten Gänse kommen je nach Witterung schon Anfang Oktober in die Wedeler Marsch. Durch den langen Zug benötigen die Gänse viel Nahrung, die sie rund um die Carl Zeiss Vogelstation und auf den Weiden finden. Den Tag über grasen die unterschiedlichen Gänsearten friedlich nebeneinander auf den Wiesen.

Im November sind dann über 10.000 Gänse anwesend und bilden beeindruckende Schwärme.

Dabei sind die Weißwangengänse im Spektiv schön zu beobachten und fallen durch ihre eher geringe Größe, den schwarzen Hals sowie die weißen Wangen auf. Ein besonderes Schauspiel ist es, wenn die Gänse sich abends am Deich sammeln, um dann alle zusammen in den Sonnenuntergang zu ihrem Schlafplatz ins Elbwatt zu fliegen.

Aber nicht nur am Ende des Tages fliegen alle Gänse gemeinsam auf, sondern auch dann, wenn sich der Seeadler über der Carl Zeiss Vogelstation zeigt, sorgen sie für die wintertypische Geräuschkulisse in der Wedeler Marsch.

Die Kanadagans hat sich als eingeführte Art etabliert und ist ein ganzjährig typischer Vogel in der Wedeler Marsch, jedoch in geringer Stückzahl.

Die Graugans ist im Hamburger Raum ganzjährig häufiger Brutvogel und treuer Gast in der Wedeler Marsch.

Auch andere Gänsearten sind in der Wedeler Marsch gut zu entdecken. Neben den Grau- und Kanadagänsen, die bei uns Brutvögel sind und somit ganzjährig schön zu beobachten sind, kommen auch weitere nordische Gänsearten in kleineren Stückzahlen vor. Die nächsthäufigste Gänseart ist die Blässgans, ebenfalls eine recht kleine Gans, die der Graugans ähnlich sieht, sich jedoch durch die geringere Größe, eine auffällige Blässe über der Schnabelbasis sowie dunkle Streifen am Bauch von ihr unterscheidet.

Blässgänse sind meist in kleinen Trupps in der Wedeler Marsch unterwegs, im Winter jedoch zuverlässig zu sehen.

Spektakulär waren in diesem Jahr die ersten Novemberwochen, wo sich zeitweise über 2.500 Blässgänse in der Marsch aufhielten. So hatte ich es noch nie zuvor erlebt.

Die Tundrasaatgans ist schon etwas seltener in der Wedeler Marsch, sie ist in geringer Stückzahl regelmäßig zwischen den nordischen Gänsen anzutreffen.

Wer geduldig mit dem Spektiv die Gänseschwärme durchscannt wird auch Tundrasaatgänse dazwischen entdecken. Diese sind ungefähr so groß wie Graugänse, unterscheiden sich jedoch durch eine dunkle Schnabelbasis. Übung ist nötig, um Tundrasaatgänse von den deutlich selteneren Kurzschnabelgänsen zu unterscheiden, die in der Wedeler Marsch nur als Ausnahmeerscheinung auftreten.

Das absolute Highlight unter den Gänsen und ständiges Objekt der Begierde aller Beobachter ist die Rothalsgans. Diese exotische Gans brütet zusammen mit den Weißwangengänsen, zieht aber normalerweise über Osteuropa in den Süden. Gelegentlich verpasst eine Gans aber mal den Anschluss an ihren Trupp und fliegt dann gemeinsam mit den Nonnengänsen zu uns.

Doch um die eine unter den vielen Gänsen zu entdecken, sind Glück und Ausdauer nötig. Letztes Jahr hatte ich gleich bei Sonnenaufgang das Glück eine Rothalsgans in der Carl Zeiss Vogelstation zu entdecken, ein ganz besonderer Moment für jeden Orni.

Die Rothalsgans ist das Highlight. Die hübsche und auffällige Gans ist nur mit viel Glück und Geduld zu entdecken.

Sonnenuntergang über der Wedeler Marsch.

Auch momentan ist wieder eine echte Rarität unter den Gänsen in der Wedeler Marsch zu Gast, eine Zwerggans. Wie der Name vermuten lässt, ist sie die kleinste Gänseart und vom Aussehen her der Blässgans sehr ähnlich. Auch hier ist ein gutes Spektiv unerlässlich, um die Lütte zwischen den vielen anderen Gänsen zu entdecken. Dafür ist die Freude, wenn man sie gefunden hat, umso größer.

Wie man sieht, lohnt sich auch im Winter ein Besuch der Carl Zeiss Vogelstation, denn so vielfältig und nah sind Gänse nur an ganz wenigen Orten im Umland zu beobachten und das Erlebnis, wenn sich 10.000 Gänse im Sonnenuntergang erheben und laut schnatternd direkt über die Beobachter ins Elbwatt fliegen, ist ein malerischer Anblick und ein unvergessliches Erlebnis.

Sören Rust

Sören Rust ist ein begeisterter Young Birder und Naturfotograf sowie ehrenamtlicher Mitarbeiter bei der Carl Zeiss Vogelstation in der Wedeler Marsch.