Auf den Spuren des Rotmilans

Im Englischen heißt seine Art „red kite“, also roter Drachen. Die englische Bezeichnung des Rotmilans, Milvus milvus, kommt nicht von ungefähr. Gleich einem Drachen, den man im Herbst steigen lässt, gleitet der Rotmilan, die Thermik nutzend, durch die Luft. Selbst wenn man sein teils rostbraunes Gefieder gegen das Licht nicht erkennen kann, ist er eindeutig an seinem Gabelschwanz zu identifizieren. Etwas größer als ein Mäusebussard sucht er bei seinen Gleit- und Segelflügen nach Beute. Findet er eine Feldmaus, einen Maulwurf oder Drosseln und Amseln tötet er diese mit kräftigen Schnabelhieben im nächsten Baum.

Insgesamt ist der Rotmilan bei seiner Nahrungswahl sehr flexibel: Im Frühjahr ernährt er sich viel von Käfern und Regenwürmern, in der Nähe von Wasser nimmt er gerne Fisch zu sich. Selbst Aas lehnt er nicht ab. So geht man davon aus, dass er in Baden-Württemberg als Dauergast mit der Schließung vieler Mülldeponien seltener geworden ist. Wird die Beutejagd im Winter beschwerlicher, beraubt der Rotmilan einfach Schwarzmilane oder Krähen. Kann er ihnen die Beute nicht direkt abluchsen, belästigt er sie solange, bis sie die Nahrung wieder hochwürgen und bereitstellen.

In vielen Gebieten Zentraleuropas ist der Anblick des „Roten Drachen“ vom frühen Frühjahr bis zum Herbst zu genießen.

In Sachen Färbung des Gefieders sind die männlichen und weiblichen Ausgaben des Rotmilans gleichgestellt. Nur in der Brutphase gibt es eine Rollenteilung: Das Weibchen bleibt beim Nest und lässt sich vom Männchen versorgen. Sie ist für das Gelege von meist drei Eiern in der Größe von Hühnereiern auch weitestgehend alleine verantwortlich. Das Männchen übernimmt in den gut 32 Tagen Brutzeit nur im Ausnahmefall kurz. Sind die Kleinen geschlüpft, brauchen sie noch sieben oder acht Wochen, bis sie das Nest verlassen.

Als Eltern sind die ausgewachsenen Milane jedoch kaum an Coolheit zu überbieten: Zwischen ihren Jagdflügen genießen sie regelmäßig ausgiebige Ruhepausen, selbst wenn die Jungtiere aus dem Nest noch so lautstark die Nahrung einfordern. Meist sind die Eltern während einer Brutsaison monogam, manchmal gibt es sogar mehrjährige Beziehungen. Dabei kommen sie häufig zu ihren gewählten Brutorten zurück und selbst die Jungen zieht es später zum Brüten in die Nähe ihres Geburtsortes.

In Deutschland ist der Rotmilan eine Art heimlicher Wappenvogel. Gut die Hälfte des weltweit geschätzten Vorkommens von ungefähr 24.000 Brutpaaren brüten in Deutschland. Anders als sein kleinerer Artgenosse, der Schwarze Milan, der weltweit vorkommt, gibt es die sehr seltene Art des Roten Milans nur in Europa. Zumeist zieht er im Oktober, die Weibchen zuerst und die Männchen ein bis zwei Wochen später in Richtung Spanien oder Portugal. Satellitensender an hessischen Brutvogelgästen haben gezeigt, dass sie in einem Dreivierteljahr an die 10.000 km zurückgelegt haben, bis zu 150 km täglich auf dem Heimweg zu ihrer Brutstation.

Theoretisch werden Rotmilane sehr alt, es gibt in Freiheit lebende Tiere, die 30 Jahre alt wurden. Faktisch werden sie aufgrund von Gefahren auf dem Zug und als nach den Mäusebussarden häufigstes Schlagopfer von Windrädern nicht viel älter als sieben Jahre. Die International Union for Conservation of Nature (IUCN), die die Rote Liste der gefährdeten Arten herausgibt, hat den Rotmilan als „fast gefährdete“ Art eingestuft und auf den Schutz seines Lebensraums und des unbehelligten Zuges hingewiesen.

Michaela Sulz

Michaela Sulz ist eine passionierte Birderin und ZEISS Bloggerin.

2 Kommentare

  1. Michael E. Klews

    Wieso erwähnen Sie nicht, dass der größte Teil der in Deutschland vorkommenden Rotmilane in Ostdeutschland leben? Bei meinen Wanderungen im Land Brandenburg beobachte ich regelmäßig diese Vögel; gerade am vergangenen Freitag sah ich im Baruther Urstromtal einige Exemplare, die die Bezeichnung "Roter Drachen" extrem gut demonstrierten.

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    1. ZEISS Team Nature Observation

      Vielen Dank für Ihren wertvollen Hinweis, den wir hier gerne ergänzen. Unsere Autorin stammt aus Baden-Württemberg und hat sich daher in ihrer Betrachtung auf diese Region bezogen.

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