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Wie fotografiert man Armut? Eine Frage, die sich Touristen selten stellen, wenn sie in Entwicklungsländern unterwegs sind. Sie knipsen in Slums einfach drauflos, so als würden sie Löwen auf einer Safari ablichten. Armut fotografieren und den Menschen ihre Würde lassen – das ist schwierig aber nicht unmöglich. Ein Augenkontakt, ein paar Gesten genügen meist, um sich das Einverständnis einzuholen. Und in einem Gespräch, das echtes Interesse an den Menschen zeigt, ergeben sich erst die Situationen, bei denen die großartigen Aufnahmen entstehen, über die alle Welt später in renommierten Reportagemagazinen staunt.

Über Tamina-Florentine Zuch werden noch viele staunen. Sie hat ein Gespür für Menschen, für Situationen, für den besonderen Blick auf Kulturen, die uns fremd sind. In ihrer Fotoserie „Indian Train Journey“, die auf einer sechswöchigen Bahnreise während eines Auslandssemesters in Indien entstand, kann man das in jedem Bild bewundern. Zurecht hat die 25-Jährige mit dieser Serie beim ZEISS Photography Award „Seeing Beyond – Meaningful Places“ gewonnen, der 2016 zum ersten Mal verliehen wurde.

Gefährliche Mutproben gehören dazu. | © Tamina-Florentine Zuch, Deutschland, 2016 ZEISS Photography Award
Gefährliche Mutproben gehören dazu. | © Tamina-Florentine Zuch, Deutschland, 2016 ZEISS Photography Award

„Mein Lieblingsbild ist das des jungen Mannes mit dem tanzenden Schal im Wind, der sich zwischen zwei Waggons hinauslehnt und dabei von seinem Freund fotografiert wird“, sagt Hans-Peter Junker, Chefredakteur des Reportagemagazins View und einer der Juroren des ZEISS Photography Awards. Die Preisträgerin lobt er in den höchsten Tönen. Auch sein Jury-Kollege, der südafrikanische Fotograf Steve Bloom, attestiert Tamina Zuch „ein unglaubliches Auge für Komposition, Licht und die Gabe, den Augenblick einzufangen“. Das Foto entstand auf einer Fahrt von Mumbai nach Goa. Der Zug war voll von Studenten, die in den Semesterferien ihre Freiheit ohne die Überwachung ihrer Familien genießen. In den Zügen geht es zu wie auf einer außer Kontrolle geratenen Klassenfahrt. Dabei versuchen die jungen Leute sich gegenseitig mit möglichst gefährlichen Selfies zu übertreffen. Immer wieder kommen Personen zu Tode, weil sie einen entgegenkommenden Zug übersehen haben. Auch die Mitreisende aus Deutschland musste viele dieser Poserbilder mitmachen, bis solche Perlen wie das obige Bild möglich wurden.

Nur zwei Fotos waren möglich, dann fuhren die Männer im Gepäckwagen weiter.
Nur zwei Fotos waren möglich, dann fuhren die Männer im Gepäckwagen weiter.

Normalerweise nimmt sich die junge Fotografin Zeit für ihre Motive, holt immer das Einverständnis der Personen ein. Nur ein Kopfnicken war nötig, um das Bild mit den Männern zu ergattern, die am Bahnhof in Mumbai in einem Waggon auf einer Pritsche saßen. Zwei Schnappschüsse waren möglich, dann fuhr der Zug weiter. „Normalerweise mag ich es nicht, wenn Personen in die Kamera schauen, aber hier passte es einfach.“

Licht und Schatten: Im Frauenabteil scheint die Zeit still zu stehen, während draußen die Welt vorbeifliegt. | © Tamina-Florentine Zuch, Deutschland, 2016 ZEISS Photography Award
Licht und Schatten: Im Frauenabteil scheint die Zeit still zu stehen, während draußen die Welt vorbeifliegt. | © Tamina-Florentine Zuch, Deutschland, 2016 ZEISS Photography Award

Zuch arbeitet grundsätzlich ohne Blitz und nur mit natürlichem Licht. Bei vielen Motiven der Zugreise nutzt sie das Licht der tiefstehenden Sonne morgens und abends, das durch Fenster und Türen hereinfällt. Einige der Motive der Serie wirken dadurch fast, als wären außerhalb des Zugs gleißende Flutlichtscheinwerfer aufgestellt. „Das Licht hat mir einige schöne Bilder geschenkt.“ In dem Foto mit der Frau an der offenen Tür des abfahrenden Zugs kommt außerdem noch ein interessanter Schattenwurf mit Bewegungsunschärfe dazu. Das Foto entstand im Frauenabteil, die es in jedem Zug gibt, doch meistens fuhr die mutige Globetrotterin in gemischten Abteilen. Ob sie nicht Angst vor Übergriffen hatte? „Ich bin 1,80 Meter groß und wenn es brenzlig wurde, habe ich mich noch etwas größer gemacht, das hat immer abgeschreckt.“

Wirkt wie eine Modellbauszene: Wikinger-Schach im Schrebergarten.
Wirkt wie eine Modellbauszene: Wikinger-Schach im Schrebergarten.

Fremde Kulturen findet man nicht nur in fernen Ländern, besondere Menschen trifft man auch in deutschen Schrebergartensiedlungen. Die gelten als Inbegriff von Spießigkeit und preußischer Akkuratesse. Mit ihrer Bildserie Schrebergarten, für die sie seit 2015 immer wieder fotografiert, will Zuch beweisen, dass die Zeiten vorbei sind, wo Rasen mit der Nagelschere geschnitten und mit dem Lineal vermessen wurde – nicht zuletzt wegen des Nachwuchsmangels, den viele Gartenvereine deutlich spüren.

„Die ersten Male habe ich gar nicht fotografiert, sondern erst einmal Vertrauen aufgebaut.“ 20 Mal und mehr hat sie Familien in ihrer Laube besucht, bevor sie die Erlaubnis für Fotos bekam. „Man muss Geduld haben und zeigen, dass man nicht nur wegen der Fotos hier ist, sondern echtes Interesse an den Menschen und ihrer Lebensweise hat.“ So entstanden über Monate intime, manchmal auch leicht schräge, nie jedoch ins Lächerliche ziehende Aufnahmen. Interessant ist die Szene, in der einige der Schrebergärtner Wikinger-Schach spielen und einen siegreichen Treffer landen. Durch die leicht erhöhte und entfernte Position sehen die in ihren Bewegungen wie eingefrorenen Personen so aus, als hätte sie ein Bastler in das Diorama einer Modelleisenbahn gestellt.

Immer auf der Hut: Junge Hobos bei ihren illegalen Fahrten auf Güterzügen durch die USA.
Immer auf der Hut: Junge Hobos bei ihren illegalen Fahrten auf Güterzügen durch die USA.

Auch auf ihrer Reise mit den legendären Hobos, die als Schwarze Passagiere auf Güterzügen durch die USA reisen, hat Zuch drei Tage erstmal nicht fotografiert, um Vertrauen zu wecken. Selbst wenn das Eis gebrochen ist, lässt sie gute Gelegenheiten auch mal absichtlich verstreichen. „Manche Situationen sind einfach zum Genießen, obwohl es ein tolles Foto geworden wäre.“ Erleben sei wichtiger als nur einen Job zu machen. In der Aufnahme der beiden Hobos ist ein Stilmittel sichtbar, das sich durch viele ihrer Fotos zieht: die große Schärfentiefe. Zuch arbeitet selten mit offener Blende und sichtbarem Unschärfebereich, sondern setzt auf Schärfe vom Vorder- bis zum Hintergrund. Die Fotoserie aus den Schrebergärten entstand mit Blenden zwischen f7 bis f11, was den Motiven mitunter eine surreale Künstlichkeit verleiht. Auch bei der Brennweite ist die junge Fotografin eigen: Viele Aufnahmen macht sie mit einem 35 mm Objektiv. „Ich denke alle Motive in 35 Millimeter.“ Hin und wieder greift sie zur 28 mm Festbrennweite, das 24-70 mm Zoom aus den Anfangszeiten liegt nur noch in der Schublade, „das nimmt zu viel von der Stimmung“. Viele Aufnahmen entstehen durch Ausprobieren, überperfekte Fotos lehnt sie ohnehin ab.

Für ihr nächstes Projekt zum Thema Gastarbeiter, das auch ihre Bachelor-Arbeit fürs Studium werden soll, steht bereits das Konzept. Nicht die Gastarbeiter selbst sollen im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen, sondern die Familien, die daheim geblieben sind, die Kinder, die von ihrem Vater oft jahrelang nur Geld und Geschenke sehen, die dieser nach Hause schickt. Dazu möchte sie in verschiedene europäische Länder reisen. In Moldawien war sie schon. Ein Jahr soll das Projekt dauern – auf die Ergebnisse darf man gespannt sein.

 


Über Tamina-Florentine Zuch
Die 25-Jährige wurde in Stuttgart geboren und ist mit ihren Eltern – der Vater Architekt, die Mutter Grafikerin – häufig umgezogen. Ihr Abitur machte sie 2007 in Leipzig. Danach ging sie für ein Jahr nach Ghana, wo sie auch in einer Dorfschule unterrichtete. Dort entstanden ihre ersten Fotoserien. In Braunschweig begann sie mit einem Fotografiestudium, das den Schwerpunkt auf Produktfotografie legt. „Ich wollte aber Geschichten erzählen.“ Das lernt sie nun seit 2011 an der Hochschule in Hannover im Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie.
tamina-florentine.com
instagram.com/taminaflorentine

 

 

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2 Kommentare

  1. Ennmouri

    Echt tolle Fotos. Sie wirken teilweise wie surreale gemälde. Den Selbstporträt ist die Sahne.
    Tamina Zuch wird ein Begriff werden.

    Antwort
  2. Helmut Gnodtke

    Gratulation. Beeindruckende Fotos und kristallklar ohne verschmierende Bokehs. Bei den Fotos zu den indischen Zügen fühlt man sich als Betrachter eingeschlossen in die Szene. Grossartig!

    Antwort

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