Heimatland

Cinematography

Es braut sich etwas zusammen über der Schweiz – eine unerklärbare und furchteinflößende dunkle Wolke. Woher sie kommt, ist nicht bekannt. Sicher ist nur, sie wird sich entladen. Kein schönes Gefühl für das Volk eines neutralen Landes, das von vielen Problemen außerhalb ihrer Grenzen lange unberührt blieb. Die Abgründe, die sich dabei auftun, sind Gegenstand des Films „Heimatland“ von zehn jungen Schweizer Regisseurinnen und Regisseuren, die einen kritischen Blick auf ihre Heimat wagen.

 

Vielleicht muss man erst aus der beschaulichen Schweiz heraus kommen, um gewisse Zusammenhänge aus der Ferne besser zu erkennen. Zumindest den Initiatoren des Projekts – Jan Gassmann und Michael Krummenacher – hat die Distanz zur Schweiz, die die beiden durch ihr Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF) erfuhren, geholfen. Insgesamt zeichneten sich für das als Episodenfilm angelegte Mammutprojekt zehn Regisseurinnen und Regisseure verantwortlich, allesamt aus der Schweiz. So wird verständlich, wie es gelungen ist, mit „Heimatland“ eine solche Bandbreite an Menschen, Milieus und Mentalitäten abzubilden, allesamt im Wechselspiel zwischen imposanter Bergidylle und kleinbürgerlicher Enge, Panik und Ratlosigkeit, Resignation und Gewalt. Nicht nur konzeptionell eine enorme Herausforderung.

 

Mitproduzentin Julia Tal erinnert sich an die ersten Meetings zwischen RegisseurInnen und Kameraleuten, in denen darum gerungen wurde, eine einheitliche Bildsprache zu finden. „Es wurde viel diskutiert, um eine gemeinsame Vision des Filmes zu finden.“ Manifestiert hat sich diese in der dunklen Wolke, die sich im Film über der Schweiz zusammenbraut und die Menschen zunehmend verunsichert. Sie bildet den Raum für Interpretationen, was durchaus gewollt ist. So bleibt stets vage, was die eigentliche Gefahr ist und man beobachtet als Zuschauer die Art und Weise, wie die Menschen auf eine solche Bedrohungssituation reagieren und fragt sich gleichzeitig, wie man selbst damit umgehen würde. Eine Utopie, die auch der kontrovers diskutierte Starregisseur Lars von Trier in seinem Weltuntergangsepos „Melancholia“ zum Thema machte. Doch statt wie bei ihm lediglich eine Familie in den Fokus zu nehmen, lenkt „Heimatland“ den Blick auf verschiedene Menschen. Wie sie mit der unerklärbaren und furchteinflößenden Wolke umgehen, variiert dabei von Episode zu Episode. So fürchtet eine Versicherung beispielsweise um Ihr Geld und beantragt beim Bundesrat ein Rettungspaket. In einer anderen Episode gründet ein Dorf eine Bürgerwehr, um sich vor ausländischen Raubzügen zu schützen. Mehr ins Zwischenmenschliche gehendende Einblicke gewährt die Episode „Alice & Nina“, in der sich zwei Schwestern angesichts der namenlosen Gefahr eine intime und dinglose Phantasiewelt erschaffen. Für Julia Tal ist eine der Ausgangsfragen in „Heimatland“, was passiert, wenn die Schweiz realisiert, dass sie vom Ausland abhängig und keine vom restlichen Weltgeschehen abgetrennte Insel der Glückseligkeit ist und wie reagiert der Einzelne darauf? Ein Thema, das für sie aber auch gut über die Schweizer Grenze hinweg exportierbar ist – und den Film hinsichtlich der Innereuropäischen Probleme in Griechenland oder der Flüchtlingsproblematik an den Grenzen Europas auch über die Schweiz hinaus relevant sein lässt.

 

„Ein gewaltiger Sturm braut sich über der Schweiz zusammen“. Szene aus dem Film Heimatland © 2015 Contrast Film I 2:1 Film I Passanten Filmproduktion
„Ein gewaltiger Sturm braut sich über der Schweiz zusammen“. Szene aus dem Film Heimatland © 2015 Contrast Film I 2:1 Film I Passanten Filmproduktion

 

Für die rund zweieinhalb Monate dauernden Dreharbeiten blieb man jedoch innerhalb der Grenzen der Schweiz. Dabei war die Prämisse, möglichst viele Schweizer Regionen zu involvieren, und so wurde an Drehorten wie etwa Bern, Basel, Fribourg oder Neuenburg gefilmt. Um maximale Authentizität bemüht, wählten die jeweiligen RegisseurInnen vorwiegend Laiendarsteller oder unbekannte Gesichter als SchauspielerInnen aus. Die an der Realisierung des Filmes beteiligte Kerncrew summierte sich dabei auf etwa 50 Personen. Die Kameraarbeit teilten sich drei Hauptkameraleute, die sich wiederum sowohl über zu nutzendes Equipment als auch den Stil einigen mussten.

 

Teamarbeit: Der Film „Heimatland“ ist Teamarbeit, über das Drehteam vor Ort hinaus. Für einen einheitlichen Look sorgten die bewährten ZEISS High Speed Objektive im Zusammenspiel mit den ZEISS Compact Zoom CZ.2 und ARRI/ZEISS Ultra Prime Objektiven.
Teamarbeit: Der Film „Heimatland“ ist Teamarbeit, über das Drehteam vor Ort hinaus. Für einen einheitlichen Look sorgten die bewährten ZEISS High Speed Objektive im Zusammenspiel mit den ZEISS Compact Zoom CZ.2 und ARRI/ZEISS Ultra Prime Objektiven.

 

Eine zentrale Frage waren dabei natürlich die einzusetzenden Kameras und Optiken. In der Hauptsache kam die Amira zum Einsatz. Neben der sehr guten Aufnahmequalität der Kamera bot die Aufzeichnung im 4:4:4 Format und einer Log C-Gammakurve einen großen Spielraum in der Postproduktion für Videoeffekte. Das machte es einfacher, Bestandteile, wie etwa den Himmel, im Bild auszutauschen oder gezielt Farben für die Farbkorrektur auszuwählen. So gelang es neben der alle Episoden verbindenden Wolke eine generelle Unwetterstimmung zu kreieren. Dazu trugen jedoch auch die teilweise komplexen Beleuchtungssituationen bei, für die unter anderem Peter Demmer zuständig war, einer der bekanntesten Beleuchter der Schweiz. Einig war man sich darin, dass für die geskripteten Drehs vor allem alte ZEISS High Speed-Objektive zum Einsatz kommen sollten. „Durch Ihre organischen Bilder gelang es uns, den sauberen Look der Schweiz zu knacken“, so Kameramann Denis D. Lüthi. Anders hingegen bei den dokumentarischen Zwischensequenzen, mit denen die einzelnen Episoden miteinander verbunden wurden. Hier arbeitete Lüthi mit einer RED Epic und ZEISS Compact Zoom CZ.2 28-80 /T2.9 und CZ.2 70-200 /T2.9. Für ihn die richtige Wahl: „Gerade das dokumentarische Arbeiten zwingt dazu, schnell und möglichst präzise reagieren zu können. Mit welcher Brennweite eine Szene optimal aufgelöst wird, muss oft in Sekundenbruchteilen entschieden werden, das geht nur mit einer Zoom-Optik.“ Für Denis D. Lüthi war es das erste Mal, dass er mit den Compact Zoom-Objektiven von ZEISS gedreht hat. Dabei lernte er die Flexibilität, die sie ihm ermöglichten, zu schätzen. „Alles passte in einen Rucksack, und war bei Bedarf schnell einsatzbereit“, so Lüthi. Um die Aufnahmen mit denen der High Speed-Optiken gut mischen zu können, drehte er mit einer maximalen Blende von etwa 4, so erreichte er den gewünschten weichen und organischen Look, bei gleichzeitig hoher Schärfe und gutem Farbverhalten. Dass er mit einer gleichbleibenden Blende über den gesamten Brennweitenbereich arbeiten konnte, tat sein Übriges dazu. Dies in Kombination mit dem einfachen Handling verschaffte Lüthi die Möglichkeit, Szenen spontan einzufangen, die ebenfalls die Aussagen des Filmes transportieren. So gelang es etwa, einen Stadtprediger zu filmen, der ein Schild mit der Aufschrift „Betet freie Schweizer“ hoch hielt und an dem just in dem Moment eine Frau mit einer Tasche vorbei lief, auf der das Schweizer Landeskreuz aufgedruckt war. Die Mischung aus dokumentarischem und szenischem Filmen war für Lüthi indes kein Problem: „Da fast alles als Handkamera gedreht wurde, fällt es wahrscheinlich nicht mal auf, ob eine Szene Doku oder Inszenierung ist.“ Zumal auch die ZEISS Compact Zoom CZ.2 Objektive nicht allein in den dokumentarischen Szenen zum Einsatz kamen. So wurden sie etwa in der Episode „Roger & Adi“ genutzt, in der sich eine bewaffnete Bürgerwehr formiert, um sich gegen das drohende Chaos zu wehren.

 

„Roger und Adi“: In dieser Episode will sich ein Dorf vor ausländischen Raubzügen mit einer Bürgerwehr schützen. Im Einsatz dabei: ZEISS Compact Zoom CZ.2 28-80 /T2.9.
„Roger und Adi“: In dieser Episode will sich ein Dorf vor ausländischen Raubzügen mit einer Bürgerwehr schützen. Im Einsatz dabei: ZEISS Compact Zoom CZ.2 28-80 /T2.9.

 

Ein weiterer Grund, dass der gesamte Film trotz Episodenaufbau wie aus einem Guss wirkt, war, dass sich die Bilder der High Speed- und Compact Zoom-Objektive von ZEISS in der Postproduktion gut aufeinander abstimmen ließen. Apropos Postproduktion: Wie der gesamte Film war auch sie geprägt vom Gedanken des Kollektivs. „Alle Einzelregisseure lieferten einen ersten Rohschnitt ihrer Episode. Cutter Kaya Inan und der für die Gesamtregie zuständige Michael Krummenacher machten daraus einen stark gekürzten Schnitt. Im Anschluss trafen sich die RegisseurInnen regelmäßig  um gemeinsam den Gesamtschnitt zu sichten und darüber zu diskutieren.“

 

Tristesse als Stilmittel: In der Episode „Peter & Goran“ ist der Taxifahrer Goran mit dem Immobilienhändler Peter auf der Flucht vor der schwarzen Wolke. © 2015 Contrast Film I 2:1 Film I Passanten Filmproduktion
Tristesse als Stilmittel: In der Episode „Peter & Goran“ ist der Taxifahrer Goran mit dem Immobilienhändler Peter auf der Flucht vor der schwarzen Wolke. © 2015 Contrast Film I 2:1 Film I Passanten Filmproduktion

 

Für Produzentin Julia Tal war eine der Hauptherausforderungen die logistische Koordination von so vielen am Film beteiligten Menschen bei teilweise parallel entstehenden Episoden. „Das ganze Projekt konnte nur gelingen, weil alle an einem Strang zogen und teilweise für wenig Geld gearbeitet haben“, so Julia Tal. Diese Begeisterung und das Thema an sich mag auch ein Grund für das Mitwirken des Schweizers Jean Ziegler gewesen sein. Der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und bekannte Globalisierungskritiker liefert im fiktiven TV-Interview Begründungen für die Wolke, die im Film als Zitatfragmente eingesetzt werden. Dass der Film starke Reaktionen hervorrufen wird, zeichnete sich früh ab: Schon während der Produktion wollten zahlreiche Schweizer Medien über den Film berichten. Durch die Teilnahme am internationalen Filmfestival in Locarno 2015, in dessen Rahmen der Film uraufgeführt wurde, potenzierte sich die mediale Aufmerksamkeit.

 

Das RegisseurInnen- Team des Heimtland Films auf dem Locarno Film Festival. © 2015 Contrast Film I 2:1 Film I Passanten Filmproduktion
Das RegisseurInnen- Team des Heimtland Films auf dem Locarno Film Festival. © 2015 Contrast Film I 2:1 Film I Passanten Filmproduktion

 

Auch nach dem Filmstart in den Kinos erwartet Julia Tal kontroverse Diskussionen: „Es ist in der Schweiz nicht üblich, sich kritisch mit dem eigenen Land auseinanderzusetzen“. Wie viel die am Film beteiligten Schweizer als Propheten im eigenen Land gelten, wird sich zeigen. Sicher ist jedoch eines: Das „Heimatland“ ist ihnen trotz aller kritischen Töne eine Herzensangelegenheit, auch oder gerade wegen der Außenansicht, mit der die Filmemacher auf ihr Land blicken.

 

 

www.facebook.com/heimatlandfilm
www.heimatland-film.ch/

 

 

 

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