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Durch ein besonderes Optikdesign schöpft die neue High-end SLR-Objektivfamilie das volle Potenzial hochauflösender Sensoren aus

Ende 2013 kommt mit dem Distagon T* 1.4/55 das erste Mitglied der neuen High-end SLR-Objektivfamilie auf den Markt. Oberste Zielsetzung bei der Entwicklung war es, eine „kompromisslose Bildqualität“ zu erzielen. Durch welche Besonderheiten des Optikdesigns wurde dies im Einzelnen realisiert? Dr. Aurelian Dodoc, ZEISS Principal Scientist, erklärt es im Interview.

ZEISS hat ein Objektiv mit „kompromissloser Bildqualität“ angekündigt. Was genau ist damit gemeint?

In der Entstehungsgeschichte der Fotoobjektive sind viele Optiken zu finden, deren Qualität man als gut bezeichnen kann. Diesmal war es unser Ziel, perfekte Objektive zu schaffen und sie denen zu widmen, die den Unterschied zwischen gut und perfekt verstehen und schätzen. Im Vergleich zu unseren bisherigen SLR-Objektiven, die qualitativ schon sehr überzeugend sind, haben wir dazu die Messlatte noch einmal deutlich höher gelegt. Das Ergebnis ist eine Familie hochwertiger Objektive mit perfekten Abbildungsqualitäten.

Das neue Objektiv bietet optimale Abbildungsleistung schon bei voll geöffneter Blende. Was mussten Sie im Optikdesign tun, um das zu erreichen?

Wir haben uns für das komplexe Distagon-Optikdesign entschieden, das sich bisher nur bei Weitwinkel-Objektiven findet. Nur damit lässt sich die gewünschte Schärfe und Kontrastwiedergabe bis in die Bildecken erreichen.

Warum ist das Distagon besser geeignet als andere Designs, wenn es um Schärfe und Kontraste geht?

Klassische Objektive im Brennweitenbereich rund um 50 mm sind vom Typ Planar. Mit einem quasisymmetrischen, sehr kompakten Aufbau weist dieser Objektivtyp eine enge Verbindung zwischen der Korrektion der Bildmitte und dem Bildrand in dem Sinne auf, dass bei einer guten Korrektion der Bildmitte der Bildrand unkorrigiert bleibt und umgekehrt. Strenger fachlich ausgedrückt ist die Korrektion der sphärischen Aberration nicht gleichzeitig mit der Korrektion der Bildfeldwölbung zu erreichen. Unser wichtigstes Ziel war aber eine konstante Abbildungsleistung über das gesamte Bildfeld, einschließlich der Ecken. Deshalb haben wir die relativ einfache Struktur des Planars durch die wesentlich komplexere des Distagons ersetzt.

Beim Distagon lassen sich sphärische Aberration und Bildfeldwölbung also gleichzeitig korrigieren. Können Sie uns genauer erklären, wie Sie als Optikdesigner dabei vorgehen und wie sich dies auf die Abbildungsqualität auswirkt?

Die Struktur des Distagons erlaubt eine gute Trennung zwischen den negativen und den positiven Brechkräften innerhalb der Optik. Deshalb können wir damit eine hervorragende Korrektion der Bildfeldwölbung erreichen. Die Bildfeldwölbung ist der wichtigste Abbildungsfehler, und sie zu korrigieren ist die Grundvoraussetzung für eine perfekte Abbildung. Mit einem angepassten Linsengerüst und mehreren asphärischer Flächen lassen sich auch die anderen Aberrationen auf kleinste Niveaus korrigieren. Speziell haben wir die sphärische Aberration und die Koma, die beide eine verheerende Wirkung auf die Bildgüte haben, perfekt korrigiert. Natürlich ist auch die Verzeichnung nicht wahrnehmbar. Neben der durchgängigen Schärfe bis in die Bildecken war uns auch eine möglichst natürliche Abbildung der Objektränder wichtig. Das bedeutet vor allem eine außergewöhnliche Farbfehlerkorrektion und die Verhinderung von Farbsäumen, welche durch chromatische Aberration hervorgerufen werden. Das Planar-System wäre auch damit überfordert. Da die Linsen, die im Planar diese Korrektion übernehmen, auch für die Korrektion der sphärischen Aberration und der Bildfeldwölbung verantwortlich sind, werden die Farbfehler beim Planar besonders aufwendig korrigierbar. Auch diese Herausforderung war nur durch den Einsatz des Distagons zu bewältigen. Mit „normalen“ Gläsern ist eine gute chromatische Korrektur in einem hochqualitativen optischen System nicht zu erreichen. Für die Korrektion der Farbfehler verwenden wir deshalb Spezialgläser, die eine „anomale“ Teildispersion haben. Dadurch können wir nicht nur die primären und sekundären Farbfehler korrigieren, sondern auch die chromatischen Variationen sämtlicher Aberrationen, wodurch sich auch die Farbsäume stark reduzieren.

Linke Spalte: Distagon-Bauweise; rechte Spalte: Planar-Bauweise

Linke Spalte: Distagon-Bauweise; rechte Spalte: Planar-Bauweise

Eine weitere wichtige Eigenschaft hochqualitativer Objektive ist die Armut an Falschlicht. Wie vermeiden Sie unnötigen Lichteinfall außerhalb des Bildwinkels?

Falschlicht wird verursacht durch Reflexe aller Art, speziell aber durch Reflexe zwischen optischen Flächen. Dafür haben wir neu entwickelte Mehrfach-Schichten verwendet. Auch in diesem Bereich ist ZEISS Technologieführer.

Neben der Distagon-Bauweise und dem Multilayer-Design ist auch die innere Fokussierung des Objektivs für diese Brennweite eine technische Besonderheit. Warum haben Sie sich für diese Konstruktionsart entschieden?

Bei der inneren Fokussierung erfolgt die Entfernungseinstellung nicht durch eine Verschiebung des ganzen Objektivs, sondern nur von einer oder mehreren Linsen innerhalb des Objektivs. Wir haben sie eingebaut, um die Performance des Objektivs bis zur geringsten Entfernung von 350mm zum Objekt halten zu können. Dabei werden die Linsenelemente nach der Linse 4 in Richtung Objekt bewegt. Die Baulänge des Objektivs ändert sich deshalb beim Fokussieren nicht.

Viele Fotografen sind es heute gewohnt, mit Autofokus zu fotografieren. Warum verfügt das neue Objektiv nur über einen manuellen Fokus?

Das Objektiv ist wahrscheinlich die leistungsfähigste Standardbrennweite, die bisher existiert. Wir wollten es den Fotografen daher ermöglichen, die Leistungsfähigkeit wirklich voll auszuschöpfen. Daher wollen wir dem Anwender die Freiheit der Fokuslage als künstlerisches Mittel bieten, denn es handelt sich dabei um eines der wichtigsten Instrumente des Fotografen. Wir stellen hierfür extra eine ganz feine Haptik und einen besonders präzisen Fokussiermechanismus zur Verfügung. Die Objektive der neuen Familie eignen sich deshalb vor allem für Anwendungsbereiche, in denen das bewusste, manuelle Fotografieren seine Stärken ausspielt, etwa die Porträt-, Mode- oder Landschaftsfotografie.

Was reizt Fotografen an einem Objektiv dieser Leistungsklasse – und was werden Fotografen Ihrer Meinung nach mit diesem Objektiv tun?

Mit der neuen Objektivfamilie wollen wir den Fotografen ein künstlerisches Gestaltungsmittel für perfekte Abbildungen zur Verfügung stellen. Die Qualität seiner Aufnahme soll nicht durch die Optik begrenzt, sondern vom kreativen Geist des Fotografen bestimmt werden. Wir fordern hiermit den Künstler heraus, mit einer perfekten Optik ein perfektes Bild zu erschaffen.

 

Für einen detaillierten Einblick in die physikalischen und technischen Eigenschaften von Objektiven empfehlen wir die Lektüre einiger Artikel aus unserem Archiv:

Wie liest man MTF-Kurven?
Wie liest man MTF-Kurven? Teil II
Verzeichnung
Schärfentiefe und Bokeh

 

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9 Kommentare

  1. Wolf Rainer Schmalfuss

    Zu diesem hervorragenden Objektiv sollte man auch eine präzis einjustierte spezielle Einstellscheibe in seiner Kamera haben und auch die Dioptrien-Einstellung an der Kamera auf sein Auge genau einstellen, damit man die manuelle Scharfeinstellung auch entsprechend präzise ausführen kann. Was nützt mir das beste Objektiv, wenn diese wichtigen Parameter nicht auch penibel berücksichtigt werden!

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  2. David

    @ WRSchmalfuss

    Spezielle Mattscheiben und Lupen gibt es ja schon. Vermutlich werden bei den künftigen hochauflösenden DSLR’s noch im Blitzschuh aufsteckbare elektronische Sucher hinzukommen, welche das Sucherbild ausschnittsweise vergrössern und den Fokus präzise bestätigen können, z.B. via das sog. Focus Peaking.

    Antwort
    1. Wolf Rainr Schmalfuss

      Die ein´gebauten Scheiben der meisten DSRL’s eignen sich nicht für eine manuelle Scharfstellung! Sicher gibt es die speziellen Mattscheiben, man sollte sie nur mal benutzen! Aber mit einen einfaches Einlegen ist es damit noch nicht getan! In Verbindung mit so einem speziellen Objektiv, sollte die spezielle Einstellscheibe auch einjustiert werden! Den elektronischen Suchern gehört sicher die Zukunft, aber wie präzise sie mit dem Focus Peaking sind muss man wohl erst mal abwarten.

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      1. David

        Leider gibt es tatsächlich keine Kamera, die für MF Objektive ausgelegt ist. Dabei sollte es möglich sein, für lichtstarke Objektive Mattscheiben zu produzieren, bei denen die Schärfe besser herausspringt. Man darf aber nicht vergessen, dass der AF auch nicht immer präzise ist und sich dabei auf wenige vorgegebene Punkte beschränkt. Die von mir benutzen speziellen Mattscheiben dienen lediglich der besseren Unterstützung des eigenen Sehvermögens. Selber bin ich mit einer FF-Canon nur ab f2.0 und einer Distanz ab 1m fähig, von Auge scharf zu stellen. Ansonsten benötige ich live view. Ich gebe Ihnen darum insofern Recht, dass für mich das kommende perfekte 55mm mit einer maximalen Lichtstärke von f2.0 oder auch nur f2.5 genügt hätte und dazu auch noch wesentlich kleiner und praktischer gewesen wäre. Allenfalls hat Zeiss mit dem 1.4/55 einer kommenden Kamerageneration vorgegriffen, die unsere Bedenken ausräumen werden. Ich gehe mal davon aus, dass Zeiss diesbezüglich besser informiert ist, als wir.

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  3. Erhard

    An meinen Nikons nutze ich drei Zeiss-Festbrennweiten. Mittlerweile habe ich mich sehr gut ans manuelle Fokussieren gewöhnt, auch ohne spezielle Mattscheiben. Bin gespannt auf das neue Objektiv.

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  4. htf

    Bei all dem Lob und Superlativen eine bescheidene Frage: Wie stark vigenettiert das Objektiv bei offener Blende? Auch mehr als zwei Blenden in den Bildecken wie das Planar 1,4/50?

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    1. ZEISS Objektive

      Hallo htf,

      Das Datenblatt des Otus 1.4/55 ist auf unserer Website zu finden, hier ist der Verlauf des Helligkeitsabfalls zum Rand hin angegeben:
      http://lenses.zeiss.com/content/dam/Photography/new/pdf/en/downloadcenter/datasheets_otus/otus_1455.pdf
      Bei Offenblende beträgt der Lichtverlust in den Ecken des KB-Formats durch das Objektiv gegenüber der Bildmitte ca. 2 Blendenstufen, wie bei praktisch allen lichtstarken Objektiven bei f/1.4. Je nach Sensortyp, Kamera und Settings können die Bildresultate hinsichtlich der Vignettierung noch etwas unterschiedlich ausfallen. Durch übliche Software-Tools kann die Vignettierung bei Offenblende ohne sichtbare Leistungsverluste auf ein geringeres Niveau angehoben werden.

      Beste Grüße,
      Dein ZEISS Lenses Team

      Antwort

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