Metropolen – Kleinstädte zeigen Charakter

Charakterdarsteller

Die deutsche Fotografin Kristine Thiemann (38) interessiert sich für jene Kleinstädte und Stadtviertel, die normalerweise wenig Aufmerksamkeit genießen, weil sie im Schatten benachbarter Großstädte liegen. Mit Einfallsreichtum, liebevoller Ironie und ZEISS Objektiven übersetzt sie den lokalen Alltag der Menschen in ihre Sprache und treibt ihn an die Grenzen zur Burleske.

Muckibude im Freien über den Dächern von Bordeaux-Benauge – aufgenommen mit einer Hasselblad 500 und dem Planar T* 2,8/80 C.

Der alte Bahnhof von Bordeaux-Benauge kurzerhand in eine grüne Oase umfunktioniert – kein Problem für Kristine Thiemann, aufgenommen mit einer Hasselblad 500 und dem Planar T* 2,8/80 C.

 

Frau Thiemann, Ihre Porträts von Kleinstädten und Stadtvierteln stecken voller Widersprüche und absurder Szenen. Wie ist die Idee entstanden, unbekannte Orte, die abseits des Rampenlichts stehen, auf diese überraschende Weise zu zeigen?

Angefangen habe ich damit vor zirka zehn Jahren in meiner Heimatstadt Norderstedt. Sie liegt bei Hamburg, hat immerhin 70.000 Einwohner, doch niemand kennt sie über die Stadtgrenzen hinaus. Das führt dazu, dass ich bis heute – wenn ich im Ausland gefragt werde, woher ich komme – automatisch Hamburg antworte. Dieses himmelschreiende Unrecht (lacht), das jenen Städten durch Missachtung widerfährt, wollte ich mit meiner Fotoserie „Metropolen“ ein Stück weit wieder gut machen. Wichtig war mir dabei von Anfang an: Ich möchte die Orte samt Einwohner nicht durch den Kakao ziehen, sondern die Darsteller selbst Teil kleiner ästhetischer Inszenierungen werden lassen.

Das gelingt Ihnen jedes Mal verblüffend gut, wie auch Ihre zwei Einstiegsbilder zeigen. Erzählen Sie uns mehr über sie!

Die beiden Fotos habe ich in La Benauge aufgenommen, einem typischen Arbeiterviertel von Bordeaux. Dort habe ich 2011 in Zusammenarbeit mit dem Künstler- und Architektenkollektiv „bruit du frigo“ eine Bildserie produziert, die das Lebensgefühl der Einwohner dokumentiert: Was sie über ihr Viertel denken, was es lebenswert macht und welche Visionen und Ideen sie von ihm haben. Die Jugendlichen auf dem ersten Bild wünschten sich ihr eigenes Fitnessstudio, und zwar nicht irgendeins, sondern im Freien hoch über den Dächern ihres Viertels. Beim zweiten Bild sehnten sich die Einwohner nach einem eigenen Garten. Und so kam es, dass wir den alten Bahnhof für die Aufnahme in eine kleine grüne Oase umfunktionierten.

Wie ist Ihre Herangehensweise an diese Fotoporträts?

Es braucht viel Zeit, gute Planung, Ortskenntnis und vor allem viel Einfühlungsvermögen. Vor den Shootings bin ich viele Wochen bis Monate damit beschäftigt, Ideen zu entwickeln und die passenden Charaktere für die jeweiligen Szenen auszuwählen. Dazu führe ich viele interessante Gespräche, aus denen nach und nach Bilder in meinem Kopf entstehen. Bei jedem Treffen und jeder Schauplatzbesichtigung mache ich zahlreiche Fotos und Aufzeichnungen. Ich lasse meine Gesprächspartner Zettel über ihre Hobbies ausfüllen und frage sie, ob es bei ihnen oder im Bekanntenkreis ausgefallene Objekte zum Fotografieren gibt. So fügt sich schließlich alles wie in einem Puzzle für das spätere Shooting zusammen.

Sie fotografieren auch mit ZEISS Objektiven, zum Beispiel mit dem Distagon T* 1,4/35 und Planar T* 1,4/50. Was schätzen Sie an ihnen besonders?

Mit dem lichtstarken Distagon T* 1,4/35 setze ich gern gezielt Schärfen und Unschärfen sowie das besondere Bokeh ein. Durch die hohe Abbildungsleistung lassen sich die einzelnen Details meiner Motive sehr schön herausarbeiten. Das ist für meine Arbeit sehr wichtig, um die interessanten Bildelemente zu betonen. Die optimale Ergänzung dazu ist das ebenfalls sehr lichtstarke Planar T* 1,4/50, mit dem man tolle, kontrastreiche Aufnahmen mit außergewöhnlicher Bildsprache machen kann. Meine Bilder leben von ausdrucksstarken Charakteren und interessanten Schauplätzen – mit dieser vielseitigen Standardbrennweite kann ich beides wunderbar in Szene setzen.

An was für einem Projekt arbeiten Sie aktuell?

Das nächste Städteporträt, das ich mit dem Distagon T* 1,4/35 und dem Planar T* 1,4/50 realisieren werde, widmet sich Vitrolles, einer Vorstadt von Marseille. Die Mittelmeer-Metropole ist im nächsten Jahr Europas Kulturhauptstadt. „Marseille Provence 2013" zeichnet sich durch eine Vielzahl origineller Kleinprojekte aus. Eines davon ist meine Bildserie. Den Kontakt zur Stadt Vitrolles hatte bruit du frigo hergestellt. Insgesamt werden in Vitrolles und Umgebung 16 meiner Fotos ab März 2013 auf großen Plakaten an der Autobahn und im Stadtzentrum zu sehen sein. Die ersten drei habe ich gerade im Juli aufgenommen. Die restlichen folgen bis Anfang 2013. Worum es uns dort geht: Viele Einwohner sind stolz auf ihre Stadt und wollen das Leben aktiv mitgestalten. Auf meinen Bildern können sie dies zeigen und für einen Moment aus dem Schatten der benachbarten Metropole hervortreten.

Verraten Sie uns schon ein paar Ihrer dortigen Bildideen?

Was ich heute schon sagen kann: Vitrolles hat viele spannende Menschen und Schauplätze zu bieten. Auf einem Bild, wird ein Priester aus dem Meer auftauchen. Warum, bleibt noch mein Geheimnis. Dann habe ich zum Beispiel Männer getroffen, die an internationalen Wettbewerben für Armdrücken teilnehmen. Oder einen Agility-Trainer für Hunde, der mir einige Kunststücke in Aussicht gestellt hat. Sehr bewegt hat mich der Besuch eines Vereins, der blinden Menschen das Reiten beibringt. Auch mit der Feuerwehr und Post plane ich ein Shooting, weil es mir immer auch darauf ankommt, ganz alltägliche Dinge festzuhalten. Visuelle Schätze wie Briefkästen und Telefonzellen wird es ja vermutlich irgendwann nicht mehr geben. Und natürlich wird ein Bild auch den Mistral thematisieren, von dem mir ein Bewohner sagte, dass dieser Wind die Einwohner ganz verrückt mache. Im Winter kann er tagelang mit bis zu 160 km/h über die Region hinweg brausen. Dann sind die Straßen wie leergefegt. Ich habe auch schon ein Bild im Kopf: Halbnackte Menschen, die durch die Gassen irren und versuchen, ihre verwehten Klamotten von den Bäumen zu pflücken.

Im Folgenden ein paar „Making-of“-Bilder, die Kristine Thiemann aus Vitrolles geschickt hat. Die eigentliche Serie mit 16 Bildern wird dort im Frühjahr 2013 im Rahmen von Europas Kulturhauptstadt „Marseille Provence 2013“ an Autobahnen und im Stadtzentrum ausgestellt. Die Bilder wird sie dann auch auf diesem Blog zeigen.

Planar T* 1,4/50 (1/80 Sek., f/6.8, ISO 100)
Making-of Foto „Baywatch“ um 6 Uhr früh. Assistentin am Set fönt den Steg trocken, Priester wartet auf seinen Einsatz im Wasser.
Planar T* 1,4/50 (1/80 Sek., f/6,3, ISO 100)
Making-of Foto „Baywatch“: Letzte Einrichtungen der Komparsen für das Foto, warten auf das richtige Licht.
Planar T* 1,4/50 (1/500 Sek., f/5.6, ISO 100)
Making-of Foto „Planet“: Während der Fotoaufnahmen, Kristine Thiemann dirigiert, Herrchen sorgen dafür, dass Hunde still halten.
Planar T* 1,4/50 (1/125 Sek., f/5.6, ISO 100)
Making-of- Foto „Planet“: Feuerwehrmann in seinem Antichemieanzug während der Fotoaufnahmen im Gegenlicht.
Planar T* 1,4/50 (1/25 Sek., f/14, ISO 100)
Making-of Foto „Cité rose“ – Zufall oder Normalität? Nicht nur die Gebäude sind in diesem Stadtviertel durchgängig rosa, auch die Wäsche zum Trocknen auf dem Balkon.
Planar T* 1,4/50 (1/100 Sek., f/14 ISO 100)
Making-of Foto „Cité rose“ – Ein Komparse malt das mit Malercrepp geschützte Regenrohr fürs Foto in rosa.
Planar T* 1,4/50. (1/125 Sek., f/4.0, ISO 320)
Castingfoto 270 von Joszef, dem Trainer der Armdrücker. Satte Farben, schöner Schärfe-Unschärfe-Verlauf.
Planar T* 1,4/50 (1/60 Sek., f/2.8 ISO 320)
Joszef erläutert Kollegin Elisabeth die Technik des Armdrückens. Trotz offener Blende, enorme Schärfe in gewünschtem Bereich.


Über Kristine Thiemann

Kristine Thiemann (geboren 1973) lebt und arbeitet zwischen Hamburg, Paris und Mailand. Neben ihren Kunstprojekten ist sie in der Mode- und Werbefotografie tätig, zu ihren Kunden gehören unter anderem die Zeitschriften Vogue Bambini, Luna, japanische Vogue und die Labels L’Oreal, Bikkemberg und Givenchy. Bekannte Gesichter wie Fotomodel Kristen McMenamy, Schauspieler George Clooney und Modedesigner Karl Lagerfeld findet man genauso in ihrem Portfolio wie spielende Kinder in Armani-Jeans und Babys im Fendi-Schlafsack.

www.kristinethiemann.com

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